Chieftain

Der Chieftain war der britische Kampfpanzer des Kalten Krieges zwischen dem Centurion und dem Challenger 1. Leyland Motors entwickelte ihn als Nachfolger des Centurion, mit dem Ziel, in der britischen Armee sowohl mittlere als auch schwere Kampfpanzer zu ersetzen. Die Hauptbewaffnung war die 120-mm-Zugrohrkanone L11A5, für ihre Zeit eine der stärksten Kanonen unter westlichen Kampfpanzern. Technisch bemerkenswert ist der Antrieb: Leyland baute mit dem L60 einen Zweitaktmotor nach dem Gegenkolbenprinzip, eine Bauart, die bei Kampfpanzern sonst kaum vorkommt. Die Angaben auf dieser Seite beziehen sich, soweit die Quellen es zulassen, auf den Mark 5, der ab 1972 gebaut wurde und in mehreren Quellen als definitive Serienausführung des Chieftain gilt. In Deutschland steht aktuell kein Chieftain zum Selbstfahren zur Verfügung.

Technische Daten

Merkmal Wert
Typ Kampfpanzer
Herkunftsland Vereinigtes Königreich
Hersteller Leyland Motors
Bauzeit keine Angabe (strittig, siehe Text)
Stückzahl keine Angabe (strittig, siehe Text)
Gefechtsgewicht 55 t
Länge 7,5 m
Breite keine Angabe (strittig, siehe Text)
Höhe 2,9 m
Motor Leyland L60 Mk 8A
Leistung 750 PS
Höchstgeschwindigkeit 48 km/h
Reichweite 500 km
Besatzung 4
Hauptbewaffnung 120-mm-Zugrohrkanone L11A5
Panzerung keine Angabe
Watfähigkeit keine Angabe

Bei vier Feldern lässt sich kein einzelner Wert festlegen, weil die Quellen sich widersprechen. Das Tank Museum beziffert die britische Serienproduktion auf rund 900 Fahrzeuge, abgeschlossen bis Anfang der 1970er Jahre. Die Exportfertigung für den Iran zog sich laut historyofwar.org bis 1978 hin. Bei der Gesamtstückzahl nennt Wikipedia 1896 Fahrzeuge (900 für Großbritannien, 996 im Export), militaryfactory.com kommt auf 2083. Bei der Breite unterscheidet historyofwar.org 3,5 Meter für den Mark 5 mit montierten Schürzen, während Wikipedia 3,66 Meter ohne Angabe der Ausführung nennt, vermutlich weil Zusatzausrüstung wie Schürzen unterschiedlich mitgezählt wird. Bei der Höchstgeschwindigkeit stimmen Tank Museum und historyofwar.org mit 48 km/h auf Straße überein, deshalb steht dieser Wert im Datenblatt. Wikipedia nennt abweichend 43 km/h auf Straße und 30 km/h im Gelände, eine Einzelangabe, die hier zusätzlich genannt sei, ohne den Tabellenwert zu ersetzen.

Entwicklungsgeschichte

Grundlage für den Chieftain war der Centurion, dessen Betriebserfahrung direkt in die Neuentwicklung einfloss. 1956 baute Leyland Motors drei Prototypen mit der Bezeichnung FV4202: dem Centurion ähnlich, aber mit nur fünf Laufrollenpaaren, einem Turm ohne Rohrmantel und einem liegend positionierten Fahrer, um die Wannenhöhe zu senken. Beide letztgenannten Merkmale übernahm die spätere Serienkonstruktion.

Die eigentliche Spezifikation für den Chieftain, intern FV4201, folgte 1958. Ein erster Prototyp entstand 1959, bis 1962 kamen laut historyofwar.org sechs weitere hinzu. Besatzungen der 1st und 5th Royal Tank Regiment testeten die Fahrzeuge während dieser Phase. Die Abnahme erfolgte 1963, die Einführung bei der Truppe 1967.

Anforderung war ein Kampfpanzer, der gegenüber dem Centurion mehr Feuerkraft und mehr Schutz bietet, ohne im Gewicht davonzulaufen. Mit der 120-mm-Kanone L11A5 erhielt der Chieftain ein Kaliber, das zum Zeitpunkt der Einführung zu den stärksten unter westlichen Kampfpanzern zählte. Die zweite zentrale Anforderung betraf die Silhouette: eine möglichst niedrige, schräg gestellte Wanne, um die Trefferfläche zu verringern. Genau diese Vorgabe machte den ungewöhnlichen Motor nötig, der im nächsten Abschnitt beschrieben wird, denn ein herkömmlicher Viertaktmotor mit Zylinderköpfen hätte die geforderte Bauhöhe nicht zugelassen.

Die Fertigung lief über zwei Produktionslinien an, zunächst für den Eigenbedarf der britischen Armee, später zusätzlich für den Export. Wie im Datenblatt vermerkt, lassen sich Beginn und Ende der Serienproduktion nicht auf ein Jahr festlegen, weil britische und iranische Fertigung zu unterschiedlichen Zeiten endeten.

Technik im Detail

Kern der Konstruktion ist der Leyland L60, in der hier beschriebenen Ausführung Mk 8A mit 750 PS. Der L60 ist ein Zweitaktmotor mit sechs stehenden Zylindern und zwölf Kolben, die paarweise gegeneinander laufen: In jedem Zylinder treffen sich zwei Kolben von oben und unten in der Mitte, ein klassischer Zylinderkopf entfällt dadurch vollständig. Diese Bauweise geht auf einen Flugdieselmotor aus der Vorkriegszeit zurück, aus dem Leyland den Panzerantrieb weiterentwickelte. Für Kampfpanzer ist ein Gegenkolben-Zweitakter eine Ausnahme, die meisten Konstruktionen der Epoche setzen auf Viertaktmotoren mit konventioneller Ventilsteuerung.

Der L60 war zusätzlich als Vielstoffmotor ausgelegt und konnte neben Diesel auch andere Kraftstoffe verarbeiten, was die Logistik im Feld erleichterte. Motor und Getriebe, ein TN12-Wechselgetriebe, saßen im Heck der Wanne. Von dort trieb die Anlage über die hinteren Treibräder das Kettenlaufwerk an. Die Laufrollen trugen das Gewicht der Wanne und führten die Gleisketten, deren einzelne Kettenglieder bei Verschleiß oder Beschädigung im Gelände ausgetauscht werden konnten.

Der vorn liegende Fahrerplatz war, wie schon beim FV4202-Vorläufer erprobt, in liegender Position ausgeführt. Das senkte die Bauhöhe der Wanne zusätzlich zur schrägen Panzerung und war zur Einführungszeit eine im Panzerbau ungewöhnliche Lösung.

Varianten

Über die lange Nutzungszeit entstand eine größere Zahl an Ausführungen und Sonderfahrzeugen:

  • Mk 1 bis Mk 3 mit schwächeren L60-Ausführungen (rund 585 bis 720 PS)
  • Mk 5, die hier beschriebene, ab 1972 gebaute Ausführung mit dem L60 Mk 8A und 750 PS
  • Mk 9 bis Mk 11 mit zusätzlicher Stillbrew-Panzerung am Turm, einer späteren Kampfwertsteigerung, die nicht zur Mk-5-Grundausführung gehört
  • ARV und ARRV, Bergepanzerversionen zum Bergen und Instandsetzen liegengebliebener Fahrzeuge
  • AVRE, ein Pionierpanzer für Kampfmittelräumung und Geländeaufbereitung
  • AVLB, ein Brückenlegepanzer auf dem Chieftain-Fahrgestell
  • Khalid, eine für Jordanien angepasste Exportversion
  • Shir 1 und Shir 2, für den Iran vorgesehene, weiterentwickelte Ausführungen. Die Bestellung wurde nach der iranischen Revolution storniert, die Shir-2-Entwicklung floss stattdessen in den Nachfolger Challenger 1 ein

Das Tank Museum zeigt darüber hinaus Sonderfahrzeuge auf Chieftain-Basis, etwa Marksman, eine Flugabwehrversion mit zwei 35-mm-Kanonen, sowie Testträger wie SID für Tarnungstechnik und Crazy Horse als ferngesteuertes Zielfahrzeug.

Einsatz und Verbreitung

Die britische Armee betrieb den Chieftain von der Einführung 1967 bis zu seiner schrittweisen Ablösung durch den Challenger 1. Wichtigste Nutzer waren zunächst Einheiten wie die 11th Hussars und die 17/21 Lancers. Größter Exportkunde war der Iran, der laut historyofwar.org 707 Fahrzeuge bestellte und zusätzlich 187 verbesserte Exemplare erhielt, mit einer Fertigung, die sich bis 1978 hinzog. Jordanien beschaffte die angepasste Khalid-Version, Oman erwarb Fahrzeuge der Ausführung Mk 15.

Zur genauen Gesamtstückzahl gibt es keine übereinstimmende Angabe, wie im Datenblatt-Abschnitt erläutert. Sicher ist, dass der Chieftain über Jahrzehnte der meistgebaute britische Kampfpanzer der Nachkriegszeit war und in mehreren Nahost-Konflikten auf Seiten seiner Käuferstaaten im Einsatz stand. Eine gesonderte Bewertung dieser Einsätze ist nicht Gegenstand dieser Seite.

Verbleib heute

Das britische Militär hat den Chieftain seit den 1990er Jahren vollständig ausgemustert und durch den Challenger 1 und später den Challenger 2 ersetzt. Das Tank Museum in Bovington zeigt mehrere erhaltene Ausführungen, darunter einen Mk 11C sowie die genannten Sonderfahrzeuge Marksman, SID und Crazy Horse.

Im Nahen Osten sind ehemalige Chieftain-Fahrzeuge unter anderem im Royal Tank Museum in Amman zu sehen, das laut keymilitary.com mehr als 140 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge aus jordanischem Bestand zeigt. Nach Angaben von militaryfactory.com hält Oman einen Teil seiner Chieftain-Flotte weiterhin in Nutzung, eine unabhängige Bestätigung dieser Angabe liegt nicht vor.

Kann man einen Chieftain selbst fahren?

Nein, ein Chieftain steht in Deutschland aktuell nicht zum Selbstfahren zur Verfügung. Am ehesten vergleichbar ist der Challenger 2, ebenfalls ein britischer Kampfpanzer aus derselben nationalen Entwicklungslinie. Auf der Datenbankseite zum Challenger 2 finden Sie, ob und an welchen Standorten eine Mitfahrt oder Selbstfahrt angeboten wird.

Verwandte Fahrzeuge

Vorgänger des Chieftain war der Centurion, Nachfolger der Challenger 1. Für beide liegt aktuell keine eigene Detailseite mit Linkziel vor, daher werden sie hier nur namentlich genannt, ohne ihre Werte zu übernehmen. Verlinkt sind stattdessen der Challenger 2 als Fahrzeug gleichen Typs und gleicher Herkunft sowie die vollständige Fahrzeugdatenbank.

Häufige Fragen

Wie schwer ist ein Chieftain?

Das Gefechtsgewicht liegt laut Datenblatt bei 55 Tonnen. Damit gehörte der Chieftain zu den schwereren Kampfpanzern seiner Generation, deutlich über dem Gewicht des Vorgängers Centurion.

Wie schnell fährt ein Chieftain?

Im Datenblatt steht eine Höchstgeschwindigkeit von 48 km/h auf Straße, belegt durch Tank Museum und historyofwar.org. Wikipedia nennt abweichend 43 km/h auf Straße und 30 km/h im Gelände.

Wie viele Chieftain wurden gebaut?

Eine einheitliche Zahl gibt es nicht. Wikipedia nennt 1896 Fahrzeuge (900 Großbritannien, 996 Export), militaryfactory.com kommt auf 2083. Die Datenblatt-Tabelle führt deshalb keine Zahl.

Welchen Motor hat der Chieftain?

Den Leyland L60, einen Zweitaktmotor mit sechs Zylindern und zwölf gegenläufigen Kolben nach dem Gegenkolbenprinzip. Die hier beschriebene Ausführung Mk 8A leistet 750 PS und ist zusätzlich vielstofffähig.

Kann man einen Chieftain in Deutschland fahren?

Nein. Kein deutscher Standort bietet aktuell Fahrten mit einem Chieftain an. Als britischer Kampfpanzer aus derselben Linie steht die Seite zum Challenger 2 als Vergleich zur Verfügung.

Wo steht ein Chieftain heute?

Erhaltene Fahrzeuge stehen unter anderem im Tank Museum in Bovington sowie im Royal Tank Museum in Amman, das größere Teile des ehemaligen jordanischen Chieftain- und Khalid-Bestands zeigt.

Wer war der Nachfolger des Chieftain?

In der britischen Armee löste der Challenger 1 den Chieftain ab. Eine eigene Detailseite dazu steht hier aktuell noch nicht bereit.