Kolonnenwege an der ehemaligen Grenze

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Historisches oder heutiges Foto eines erhaltenen Kolonnenwegs aus Lochplatten am Grünen Band, ohne Wappen oder Truppenkennzeichen im Bild
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Der Kolonnenweg war der befestigte Fahrweg im Sperrsystem der innerdeutschen Grenze, auf dem Fahrzeuge der DDR-Grenztruppen jeden Abschnitt der Grenzlinie erreichen konnten. Er bestand aus doppelten Reihen genormter Betonplatten mit Aussparungen, verlegt fast durchgehend entlang der rund 1.400 Kilometer langen Grenze zwischen Ostsee und Vogtland. Nach 1990 blieb die Trasse an vielen Orten liegen. Heute führt sie vielerorts als Rad- und Wanderweg durch das Grüne Band, den Streifen aus Wald, Wiese und Moor, der aus dem ehemaligen Grenzstreifen entstanden ist. Wer diesen Weg heute nutzt, bewegt sich auf einer Route, an der Menschen bei dem Versuch, die DDR zu verlassen, ums Leben kamen.

Bauweise: Lochplatten aus Beton

Der Kolonnenweg bestand aus zwei parallelen Reihen quadratischer Betonplatten mit runden Aussparungen, den sogenannten Lochplatten. Die Platten waren genormt, ließen sich schnell verlegen und bei Bedarf einzeln austauschen. Durch die Aussparungen konnte Regenwasser abfließen. Mit der Zeit wuchsen dort Gräser und Moose durch, was die Trasse aus der Luft weniger auffällig machte. Die doppelte Spurbreite war für die Fahrzeuge der Grenztruppen ausgelegt, nicht für den allgemeinen Verkehr. Abseits der Platten war der Untergrund im Grenzstreifen meist unbefestigt oder diente als geharkter Kontrollstreifen, auf dem Fußspuren sichtbar blieben.

Weil die Platten fest mit dem Boden verwachsen sind, haben viele Abschnitte die Jahrzehnte seit 1990 überstanden, während Zaunanlagen, Wachtürme und Signalanlagen an den meisten Stellen abgebaut wurden. Der Kolonnenweg ist deshalb heute vielerorts das sichtbarste bauliche Relikt der ehemaligen Grenze.

Ein einfacher Schotter- oder Sandweg hätte den Anforderungen nicht genügt. Die Grenztruppen mussten bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit schnell an jeden Punkt der Linie gelangen, auch nach Regen oder Frost. Die Betonbauweise war darauf ausgelegt, ganzjährig befahrbar zu bleiben, während ein unbefestigter Weg bei Nässe schnell unpassierbar geworden wäre. Diese Zweckbindung an das Grenzregime unterscheidet den Kolonnenweg von einem gewöhnlichen Wirtschaftsweg, auch wenn er von außen ähnlich wirkt.

Aufgabe im Grenzregime der DDR

Die DDR-Führung erklärte das Grenzgebiet zum militärisch gesicherten Sperrgebiet. Damit Fahrzeuge der Grenztruppen jeden Punkt der Grenzlinie schnell erreichen konnten, etwa bei einem gemeldeten Fluchtversuch oder zur regelmäßigen Kontrolle des vorgelagerten Kontrollstreifens, gab es den Kolonnenweg. Er lag im vordersten, am strengsten überwachten Teil des gestaffelten Sperrsystems, zwischen dem eigentlichen Grenzverlauf und dem dahinterliegenden Signalzaun. Zivilisten hatten in diesem Bereich keinen Zutritt. Wer sich dem Grenzstreifen näherte, ohne dazu berechtigt zu sein, geriet in den unmittelbaren Zugriffsbereich der patrouillierenden Grenzsoldaten.

Die Sperrzone und die Zwangsaussiedlungen

Der Kolonnenweg lag am äußersten Rand eines deutlich größeren gesperrten Gebiets. Ab 1952 richtete die DDR entlang der gesamten Grenze eine rund fünf Kilometer breite Sperrzone ein. Innerhalb dieser Zone durfte nur wohnen, wer als politisch zuverlässig galt.

Im Mai und Juni 1952 begann die „Aktion Ungeziefer“. Innerhalb weniger Stunden mussten als „unzuverlässig“ eingestufte Familien ihre Häuser verlassen. Betroffene wurden mit ihrem Hab und Gut auf Lastwagen und in Zügen an neue, oft weit entfernte Wohnorte gebracht, wie das Bundesarchiv anhand von Archivunterlagen dokumentiert. Mehrere tausend Bewohner des Grenzgebiets waren betroffen. Nach dem Mauerbau 1961 folgte mit der „Aktion Kornblume“ eine zweite, ähnlich organisierte Welle. Beide Aktionen zusammen betrafen nach vorliegenden Zählungen mehr als 10.000 Menschen. Einzelne Dorfgemeinschaften leisteten Widerstand gegen die Räumung, am Ablauf änderte das nichts.

Die Opfer des Grenzregimes

An der innerdeutschen Grenze starben Menschen bei dem Versuch, die DDR zu verlassen. Gestorben sind außerdem Grenzsoldaten im Dienst, Menschen durch Suizid nach Festnahme und, wie die Forschung inzwischen belegt, auch Menschen im unmittelbaren Zusammenhang mit den Zwangsaussiedlungen selbst. Die genaue Gesamtzahl hängt davon ab, welche Fälle mitgezählt werden. Deshalb schwanken die veröffentlichten Werte.

Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin veröffentlichte 2017 eine Studie, die für den Zeitraum 1949 bis 1989 insgesamt 327 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Grenzregime zählt. Die Studie schlüsselt die Zahl auf: 238 Todesfälle unmittelbar im Grenzgebiet, darunter 114 Fluchtopfer, 31 erschossene Grenzgänger und 24 fahnenflüchtige Angehörige der Grenztruppen. Darin enthalten sind auch 6 Suizide, die die Studie direkt auf Zwangsaussiedlungen zurückführt, sowie 11 Suizide nach Festnahmen. Hinzu kommen 44 Suizide von Grenzsoldaten mit dienstlichem Hintergrund und 24 weitere Todesfälle während des Grenzdienstes.

Andere Historiker widersprechen dieser weiten Zählweise. Die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert die fachliche Debatte darüber, welche Fälle überhaupt als Opfer des Grenzregimes gelten: Wer nur Fälle mit unmittelbarem Fluchtbezug oder direkter Gewalteinwirkung durch das Grenzregime zählt, kommt auf niedrigere Zahlen als die 327 der FU-Studie. Eine einheitliche, von allen Seiten anerkannte Gesamtzahl gibt es bis heute nicht. Genannt wird deshalb die Zahl der FU-Studie mit ihrer Definition, nicht als abschließende Wahrheit, sondern als die derzeit am detailliertesten dokumentierte verfügbare Zählung. Gedenkstätten und Erinnerungsprojekte führen die bekannten Opfer einzeln mit Namen und Todesumständen auf, damit aus der Zahl keine anonyme Statistik wird.

Gedenkorte am ehemaligen Kolonnenweg

An mehreren Stellen ist der Kolonnenweg zusammen mit angrenzenden Teilen der Sperranlagen als Gedenkort erhalten und öffentlich zugänglich.

Das Grenzmuseum Schifflersgrund im Werra-Meißner-Kreis besteht seit 1991 und gilt als älteste Einrichtung dieser Art an der ehemaligen Grenze. Erhalten sind der Beobachtungsturm BT-9 sowie rund 1.000 Meter Grenzzaun mit Kontrollstreifen und Kolonnenweg. Die 2024 überarbeitete Dauerausstellung zeigt die Geschichte der Teilung anhand von Dokumenten, Objekten und Zeitzeugenberichten. Auch die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, am früheren wichtigsten Grenzübergang zwischen beiden deutschen Staaten, und die Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön zeigen erhaltene Abschnitte der Grenzanlagen einschließlich Kolonnenweg im historischen Zusammenhang.

Der Kolonnenweg heute: Grünes Band

Aus dem Grenzstreifen mit Kolonnenweg wurde nach 1990 das Grüne Band, ein weitgehend zusammenhängender Streifen aus Wald, Wiese, Moor und Gewässer entlang der ehemaligen Grenze. Weil hier über Jahrzehnte kaum land- oder forstwirtschaftliche Nutzung stattfand, entwickelte sich ein Biotopband. BUND und Bundesamt für Naturschutz geben übereinstimmend an, dass dort mehr als 1.200 gefährdete Tier- und Pflanzenarten vorkommen. Der BUND betreut das Grüne Band seit den 1990er-Jahren als eines seiner größten Naturschutzprojekte.

Für Wanderer und Radfahrer ist der historische Kolonnenweg nicht durchgehend nutzbar. Die Betonplatten sind an vielen Stellen ausgewaschen und uneben, wo sie fehlen, führen Alternativrouten am Rand des Grünen Bands entlang. In Naturschutzgebieten ist die Nutzung eingeschränkt, um Brut- und Rückzugsflächen zu schützen. Einen einheitlich beschilderten Wanderweg über die gesamte Länge gibt es nicht, wohl aber touristisch erschlossene Abschnitte, unter anderem im Harz, in der Rhön und entlang der mecklenburgischen Ostseeküste. Wer diese Wege geht, bewegt sich durch eine Erinnerungslandschaft, nicht durch eine Kulisse. Die Geschichte der Menschen, die hier starben oder ihre Heimat verloren, bleibt Teil des Ortes.

Wer sich für diese Regionen und ihre militärische Nutzung nach 1990 interessiert, findet einen Überblick im Beitrag Reisen zu ehemaligen Militärstandorten. Panzerfahren als Freizeitangebot findet in Deutschland an eigenständigen, von der Grenzgeschichte unabhängigen Standorten statt, darunter mehrere in Regionen, durch die früher der Kolonnenweg verlief, etwa in Benneckenstein im Harz, Bad Langensalza und Knüllwald in Thüringen und Hessen. Weitere Hintergrundbeiträge zu Technik, Recht, Regionalgeschichte und Museen finden Sie in der Ratgeber-Übersicht.

Häufige Fragen

Kann man den originalen Kolonnenweg heute noch befahren?

Nur abschnittsweise. Viele Teilstücke sind erhalten und als Rad- oder Wanderweg ausgewiesen, andere sind zugewachsen, ausgewaschen oder liegen in gesperrten Naturschutzgebieten. Eine durchgehende, einheitlich beschilderte Route über die gesamte ehemalige Grenze gibt es nicht.

Wie viele Menschen starben an der innerdeutschen Grenze?

Je nach Zählweise unterschiedlich. Die 2017 veröffentlichte Studie der Freien Universität Berlin kommt für den Zeitraum 1949 bis 1989 auf 327 Todesfälle im weiteren Sinn, einschließlich Grenzsoldaten und Suiziden. Andere Forschende legen engere Kriterien an und kommen auf niedrigere Zahlen. Eine allgemein anerkannte Gesamtzahl gibt es nicht.

Wo sind original erhaltene Abschnitte des Kolonnenwegs zu besichtigen?

Unter anderem am Grenzmuseum Schifflersgrund im Werra-Meißner-Kreis, an der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn und an der Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön. Alle drei Orte zeigen erhaltene Abschnitte der Grenzanlagen einschließlich Kolonnenweg im historischen Kontext.