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Stillgelegte Zechen, Hüttenwerke und Tagebaue gehören zu den größten zusammenhängenden Denkmalensembles in Deutschland. Zeche Zollverein in Essen, die Völklinger Hütte im Saarland und Ferropolis bei Gräfenhainichen sind die bekanntesten Beispiele dafür, wie aus stillgelegter Schwerindustrie ein Reiseziel wird. Wer diese Orte besucht, sieht Fördertürme, Hochöfen und Tagebaubagger im Originalzustand und bekommt dazu die Geschichte der Arbeit, die dort geleistet wurde. Bei mehreren dieser Standorte gehört auch Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit zu dieser Geschichte.
Was Industriekultur als Reiseziel ausmacht
Industriekultur bezeichnet den bewussten Umgang mit stillgelegten Industrieanlagen als Kulturerbe: nicht abreißen, sondern erhalten, dokumentieren und zugänglich machen. In Deutschland trägt das vor allem das Ruhrgebiet, wo Steinkohleförderung und Stahlerzeugung über mehr als hundert Jahre die Region geprägt haben. Auch das Saarland mit seiner Eisen- und Stahlindustrie und das mitteldeutsche Braunkohlerevier um Leipzig, Halle und Bitterfeld gehören dazu.
Der Unterschied zu einem klassischen Technikmuseum liegt im Maßstab. Ein Hochofen, ein Fördergerüst oder ein Schaufelradbagger lässt sich nicht in eine Halle stellen. Er bleibt an seinem Standort, und die Anlage selbst wird zum Ausstellungsstück. Das erklärt, warum mehrere dieser Orte als UNESCO-Weltkulturerbe eingestuft sind: Sie zeigen eine industrielle Epoche vollständig und im Original, von der Fördertechnik bis zu den Arbeitersiedlungen.
Für Reisende bedeutet das planbare, aber unterschiedliche Standorte. Zeche Zollverein liegt mitten in Essen und ist Teil eines dichten Netzes weiterer Industriedenkmäler im Ruhrgebiet. Die Völklinger Hütte steht am Rand von Völklingen im Saarland, einer Region mit eigener, kleinerer Industriekulturlandschaft rund um Stahl und Bergbau. Ferropolis liegt abseits der großen Städte zwischen Wittenberg und Dessau, mitten im mitteldeutschen Braunkohlerevier. Wer alle drei besuchen will, plant das als mehrere getrennte Reisen, nicht als eine gemeinsame Route.
Zeche Zollverein in Essen: vom Bergwerk zum Weltkulturerbe
Auf Zollverein wurde von 1851 bis 1986 Kohle gefördert. In ihrer letzten Ausbaustufe, der 1932 fertiggestellten Schachtanlage XII, galt sie als eine der modernsten Steinkohlezechen der Welt. Die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer bauten die Anlage im Stil der Neuen Sachlichkeit, mit klaren geometrischen Formen statt der bis dahin üblichen historisierenden Zechenarchitektur.
2001 wurde der Industriekomplex Zeche Zollverein in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen, als erste und bislang einzige Welterbestätte im Ruhrgebiet. Die Begründung: Die Anlage dokumentiere lückenlos einen entscheidenden Abschnitt der europäischen Schwerindustrie, von den Förderschächten über die Kokerei bis zu den Nebenbetrieben. Nach der Stilllegung wurde das Gelände nicht zurückgebaut, sondern umgenutzt. In der ehemaligen Kohlenwäsche ist heute das Ruhr Museum untergebracht, im früheren Kesselhaus das Red Dot Design Museum.
Völklinger Hütte: Stahlproduktion, Rüstung und Zwangsarbeit
Die Völklinger Hütte im Saarland ist das einzige vollständig erhaltene Hüttenwerk seiner Bauzeit weltweit und seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe. Anders als Zollverein ist ihre Geschichte nicht nur eine der industriellen Modernisierung, sondern auch eine der Rüstungsproduktion und der Zwangsarbeit, und die Gedenkstätte am Standort benennt das offen statt es auszusparen.
Nach Angaben der Werkschronik waren zwischen 1915 und 1918 bis zu 1.446 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Röchling’schen Eisen- und Stahlwerken eingesetzt, die meisten von ihnen aus Russland und Belgien. Mit Namen im Sterberegister der Stadt Völklingen erfasst sind 143 von ihnen, die während dieser Zeit starben, mit Herkunft aus Polen, Russland, Belgien, Frankreich und Italien. Im Zweiten Weltkrieg war das Werk unter der Leitung von Hermann Röchling, der als Wehrwirtschaftsführer und Vorsitzender der Reichsvereinigung Eisen zentrale Funktionen in der NS-Rüstungswirtschaft innehatte, ein wichtiger Rüstungslieferant. Die Angaben zur Zahl der Zwangsarbeiter schwanken je nach Quelle und Zeitraum zwischen rund 11.974 registrierten Personen insgesamt und 12.393 Männern und Frauen allein für die Jahre 1942 bis November 1944. Übereinstimmend belegt sind mindestens 261 Todesfälle unter den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in dieser Zeit. Die Gedenkstätte für die Zwangsarbeiter der Völklinger Hütte dokumentiert diese Zahlen und die Herkunft der Betroffenen im Einzelnen.
Die Völklinger Hütte stellt diese Geschichte heute als Teil der Dauerausstellung dar, nicht als Randnotiz. Das unterscheidet den Standort von reiner Industrieromantik: Die Anlage zeigt Stahlerzeugung als technische Leistung und zugleich als Ort, an dem Menschen unter Zwang und unter Lebensgefahr gearbeitet haben.
Ferropolis: Tagebaumaschinen als Freilichtmuseum
Ferropolis bei Gräfenhainichen, zwischen Wittenberg und Dessau, ist ein anderer Fall. Hier ging es nie um Rüstung, sondern um Braunkohle für die Energieversorgung der DDR. Von 1958 bis 1991 wurde im Tagebau Golpa-Nord Braunkohle gefördert, die planmäßige Förderung lief ab 1964. 1991 endete der Betrieb, wie in nahezu der gesamten mitteldeutschen Braunkohleindustrie zu dieser Zeit.
Statt die riesigen Tagebaugeräte zu verschrotten, entstand aus einer Bauhaus-Dessau-Werkstattidee von 1991 das Freilichtmuseum Ferropolis, 1995 formell gegründet. Fünf ehemalige Bagger und Absetzer, darunter die als Gemini und Medusa bekannten Anlagen, stehen auf einer Halbinsel im künstlich entstandenen Gremminer See und sind teils begehbar. Seit 2019 betreibt die Ferropolis Stiftung Industriekultur das Gelände, das heute Museum, Industriedenkmal und Veranstaltungsort zugleich ist.
Der See selbst ist Teil der Geschichte. Er entstand, weil nach dem Ende der Braunkohleförderung der ehemalige Tagebau Golpa-Nord geflutet wurde, wie viele stillgelegte Tagebaue im mitteldeutschen Revier. Die Bagger blieben stehen, während sich das umliegende Land veränderte. Das unterscheidet Ferropolis von Zeche Zollverein und Völklinger Hütte: Hier ist nicht ein einzelnes Werksgebäude erhalten, sondern eine ganze Landschaft, die durch Abbau entstanden und durch Flutung wieder umgeformt wurde.
Route der Industriekultur: das Ruhrgebiet auf eigene Faust erkunden
Wer mehr als einen einzelnen Standort besuchen will, findet im Ruhrgebiet mit der Route der Industriekultur ein durchgängiges Angebot. Der Regionalverband Ruhr verbindet seit 1999 auf einer rund 400 Kilometer langen Rundstrecke 27 sogenannte Ankerpunkte, dazu Aussichtspunkte und historische Arbeitersiedlungen, insgesamt mehr als 50 Hauptattraktionen. Zeche Zollverein ist einer dieser Ankerpunkte, weitere bekannte Stationen sind die Jahrhunderthalle Bochum und der Gasometer Oberhausen. Die Route lässt sich mit dem Auto, dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln abfahren und eignet sich damit für mehrtägige Aufenthalte in der Region.
Die Gesamtstrecke gliedert sich zusätzlich in rund 32 thematische Unterrouten, etwa zu Bergbau, Wasserwirtschaft oder Energieerzeugung. Wer nicht das gesamte Ruhrgebiet abfahren will, kann sich damit auf ein einzelnes Thema beschränken, statt alle 27 Ankerpunkte nacheinander anzufahren. Für die Völklinger Hütte und Ferropolis gibt es kein vergleichbares durchgängiges Routennetz dieser Größenordnung. Beide lassen sich als einzelne Ausflugsziele besuchen, im Saarland ergänzt um weitere, kleinere Stationen der dortigen Industriekultur.
Wenn der Ausflug über die Route hinausgeht
Industriekultur und Militär- und Fahrzeugtechnik sind zwei getrennte Themenfelder, die sich bei einer Reiseplanung trotzdem sinnvoll verbinden lassen. Wer eine Region wegen ihrer Industriegeschichte besucht, findet dort teils auch andere Formen von Technikgeschichte in der Nähe. In Sachsen-Anhalt, wo auch Ferropolis liegt, gibt es zum Beispiel Panzer fahren in Landsberg und Panzer fahren in Benneckenstein als eigenständige Angebote. Das sind kommerzielle Fahrangebote auf ehemaligem oder ähnlichem Militärgelände, keine Museen und keine Gedenkstätten, und sie stehen inhaltlich für sich. Wer einen Wochenendtrip mit mehreren Stationen plant, etwa als Geschenk für Männer, kann Industriedenkmal und Fahrangebot als zwei getrennte Programmpunkte desselben Ausflugs behandeln, ohne dass das eine das andere thematisch einfärbt.
Weitere Ratgeber-Themen rund um Ausflüge, Technik und Geschichte finden sich im Ratgeber-Überblick.
Häufige Fragen
Was bedeutet der Begriff Industriekultur genau?
Industriekultur bezeichnet den Umgang mit stillgelegten Industrieanlagen als erhaltenswertes Kulturerbe. Statt Abriss stehen Erhalt, Dokumentation und öffentlicher Zugang im Vordergrund. Zeche Zollverein und Völklinger Hütte sind wegen dieser vollständigen Erhaltung UNESCO-Weltkulturerbe.
Warum ist Zwangsarbeit Teil der Führung an der Völklinger Hütte?
Weil sie zur belegten Geschichte des Standorts gehört. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wurden dort Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter eingesetzt, im Zweiten Weltkrieg unter der Leitung von Hermann Röchling, der zentrale Funktionen in der NS-Rüstungswirtschaft innehatte. Die Gedenkstätte am Standort stellt das als eigenen Ausstellungsteil dar.
Ist jede stillgelegte Industrieanlage automatisch ein Reiseziel?
Nein. Die bekannten Standorte wie Zollverein, Völklinger Hütte oder Ferropolis sind es geworden, weil sie nach der Stilllegung gezielt gesichert, saniert und für Besucher erschlossen wurden. Viele andere Anlagen wurden dagegen abgerissen oder stehen ungesichert leer.