Der Truppenabzug 1994

Beitragsbild: KI-generierte Illustration

Verwildertes ehemaliges Kasernen- oder Übungsplatzgelände in der Natur, ohne Wappen oder Truppenkennzeichen im Bild
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Zwischen Oktober 1990 und dem 31. August 1994 zog die Westgruppe der Truppen (WGT), die frühere Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, vollständig aus den fünf neuen Bundesländern und Ost-Berlin ab. Nach übereinstimmenden Angaben von Bundesarchiv, Bundeswehr und Bundesregierung verließen rund 300.000 bis 340.000 Soldaten sowie mehrere hunderttausend zivile Mitarbeiter und Familienangehörige das Land, zusammen mehr als eine halbe Million Menschen. Zurück blieben weit über tausend Kasernen, Depots und Truppenübungsplätze. Ein Teil der heutigen Panzerfahren-Standorte in Deutschland liegt auf Flächen, die aus genau diesem Abzug hervorgegangen sind, weil sie schon damals für schwere Kettenfahrzeuge erschlossen waren und danach anderweitig weitergenutzt wurden.

Ein Abzug in einer Größenordnung ohne Vorbild

Grundlage war eine Vereinbarung, auf die sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow im Juli 1990 im Zuge der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen einigten: der vollständige Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland bis Ende 1994. Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr beziffert die WGT zum Zeitpunkt des Abzugsbeginns auf mehr als 300.000 Soldaten. Die Bundesregierung nannte in ihrer offiziellen Verabschiedungserklärung vom 31. August 1994 rund 340.000 Soldaten und weitere etwa 210.000 zivile Mitarbeiter, die innerhalb von dreieinhalb Jahren abgezogen wurden. Das Bundesarchiv fasst dies als „mehr als eine halbe Million“ Soldaten und Zivilbeschäftigte zusammen, wenn man Familienangehörige mitrechnet.

Bei den Kosten weichen die Angaben leicht voneinander ab: Die Bundeswehr beziffert den Gesamtaufwand für die Bundesrepublik auf mehr als 13 Milliarden D-Mark, die Bundesregierung nannte in ihrer Erklärung von 1994 mehr als 14 Milliarden D-Mark an bereitgestellten Haushaltsmitteln. Größter Einzelposten war mit 8,35 Milliarden D-Mark ein Wohnungsbauprogramm: An rund 40 Standorten in Russland, Weißrussland und der Ukraine entstanden etwa 45.000 Wohnungen für zurückkehrende Offiziere und ihre Familien, die in der Sowjetunion oft keine eigene Unterkunft besaßen. Weitere Mittel deckten Aufenthaltskosten in Deutschland, die eigentlichen Transportkosten und ein Umschulungsprogramm für Offiziere.

Vier Jahre Logistik: Häfen, Schienen, ein eigenes Kommando

Rund die Hälfte des Materials verließ Deutschland auf dem Seeweg, vor allem über den Fährhafen Mukran auf Rügen sowie über Rostock und Wismar. Die andere Hälfte ging per Bahn, überwiegend durch Polen. Für die deutsche Seite koordinierte General a. D. Hartmut Foertsch als Bevollmächtigter der Bundesregierung für den Truppenabzug ein eigenes Verbindungskommando, das bis November 1994 im Einsatz blieb, also noch einige Wochen über die offizielle Abschiedsparade am 31. August 1994 hinaus, bei der Kohl und der russische Präsident Boris Jelzin gemeinsam die letzten Einheiten verabschiedeten.

Der Abzug war kein plötzlicher Rückzug, sondern ein über vier Jahre gestreckter Prozess mit festen Etappen: Einzelne Divisionen und Truppenteile verließen ihre Standorte nach einem abgestimmten Zeitplan, während gleichzeitig westdeutsche Bundesvermögensämter die freiwerdenden Liegenschaften übernehmen mussten. Das erforderte, jede einzelne Kaserne, jedes Depot und jeden Übungsplatz zunächst zu erfassen, bevor über die weitere Nutzung entschieden werden konnte.

Was mit den Kasernen und Übungsplätzen geschah

Die Bundeswehr-eigene Historikerabteilung beziffert die Zahl der übernommenen Kasernen und sonstigen Militärliegenschaften auf rund 1.026. Diese Größenordnung, mehr als tausend einzelne Standorte, verteilt über die fünf neuen Länder, ist einer der Gründe dafür, warum sich die Konversion, also die zivile oder anderweitige militärische Nachnutzung dieser Flächen, bis heute über Jahrzehnte zieht. Zuständig für die dauerhafte Verwaltung des Bundeseigentums ist seit 2005 die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die die Liegenschaften von den vorher zuständigen Bundesvermögensämtern übernahm. Selbst über drei Jahrzehnte später ist die Prüfung nicht abgeschlossen: Nach Angaben der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung werden bundesweit weiterhin rund 200 vormals militärisch genutzte Liegenschaften des Bundes auf eine mögliche erneute militärische Nachnutzung geprüft, allein 15 davon in Brandenburg.

Für die Standortgemeinden bedeutete der Abzug zunächst vor allem eines: den Wegfall der bis dahin größten ortsansässigen Institution, mit eigener Infrastruktur, eigenen Wohnsiedlungen und eigener Versorgung. Was an ihre Stelle trat, ergab sich nicht sofort. Die Zahlen aus Brandenburg zeigen, dass zwischen der Übernahme einer Liegenschaft und ihrer tatsächlichen neuen Nutzung häufig Jahre lagen, in vielen Fällen bis heute.

Wie groß der Umfang allein in einem einzigen Bundesland war, zeigt Brandenburg: Nach einer 2020 verbreiteten Meldung übernahm das Land dort mehr als 100.000 Hektar ehemaliger Militärfläche. Mehr als 90 Prozent davon sind inzwischen einer neuen Nutzung zugeführt, sei es als Wohnquartier, Gewerbegebiet, Forschungs- oder Bildungsstandort, Windpark, Solarfeld oder Naturschutzgebiet. Rund 83 Prozent der Gesamtfläche entfielen dabei auf ehemalige Standort- und Truppenübungsplätze, also genau jenen Flächentyp, der wegen seiner Größe und seines befestigten Untergrunds auch für kommerzielle Kettenfahrzeug-Angebote infrage kommt.

Was mit dem Kriegsgerät geschah

Anders als die Liegenschaften blieb das militärische Gerät der WGT nicht in Deutschland. Laut Bundesarchiv wurden mehr als 100.000 Panzer, Fahrzeuge, Artilleriegeschütze, Flugzeuge und Hubschrauber zusammen mit rund 677.000 Tonnen Munition und etwa zwei Millionen weiteren Tonnen Material auf dem beschriebenen Land- und Seeweg zurücktransportiert. Die Bundeswehr nennt für die Kampftechnik allein mehrere tausend Kampfpanzer und knapp 700 Flugzeuge. Genaue Einzelbestände schwanken je nach Quelle, weil unterschiedlich gezählt wurde, ob Reserve- und Ausbildungsgerät mitgerechnet ist.

Für den Abtransport standen die Häfen und Bahnstrecken im Mittelpunkt, nicht der Verbleib einzelner Fahrzeugtypen. Anders als bei der Nationalen Volksarmee, deren Bestände teils in die Bundeswehr übernommen, verkauft oder verschrottet wurden, ging das sowjetische Gerät geschlossen zurück in die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Auf deutschem Boden blieben davon keine einsatzfähigen Waffensysteme zurück, sondern ausschließlich die freigewordenen Flächen und Gebäude.

Das unterscheidet den Truppenabzug 1994 grundlegend von der Konversion der NVA-Bestände wenige Jahre zuvor. Während ein Teil der ostdeutschen Militärtechnik nach der Wiedervereinigung im Land blieb, teils in Museen, teils verschrottet, teils an andere Staaten abgegeben, existiert von der WGT-Ausrüstung auf deutschem Gebiet planmäßig nichts mehr. Was heute an den ehemaligen Standorten zu besichtigen oder zu befahren ist, sind ausschließlich die Flächen selbst und die baulichen Reste, nicht das ehemalige Kriegsgerät.

Von der Sperrzone zur Konversionsfläche

Truppenübungsplätze waren zu Sowjetzeiten Sperrgebiete, jahrzehntelang ohne zivile Nutzung und meist auch ohne systematische land- oder forstwirtschaftliche Bewirtschaftung. Genau das machte einen Teil von ihnen nach 1994 zu Rückzugsräumen für Arten, die anderswo verdrängt worden waren. In Brandenburg entstanden auf den ehemaligen Truppenübungsplätzen bei Jüterbog, Heidehof, Lieberose und Tangersdorf großflächige Wildnisgebiete. Die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg verwaltet seit dem Jahr 2000 rund 12.800 Hektar dieser Flächen und macht sie über Wanderwege und geführte Exkursionen zugänglich.

Die Kehrseite ist die Altlastenproblematik. Nach Angaben des Landesamts für Umwelt Brandenburg waren viele der übernommenen Flächen erheblich mit Kampfmitteln, Schwermetallen und anderen Schadstoffen belastet. Boden- und Grundwasserverunreinigungen lassen sich nur mit hohem finanziellem und zeitlichem Aufwand beseitigen, was die eigentliche Konversion, also die Umwandlung der Fläche in eine wirtschaftlich oder ökologisch nutzbare Form, in vielen Fällen um Jahre verzögerte. Selbst mehr als drei Jahrzehnte nach dem Abzug gilt die Konversion in einzelnen Ländern noch nicht als abgeschlossen.

Warum Panzerfahren heute vor allem im Osten möglich ist

Diese drei Eigenschaften der ehemaligen Standort- und Truppenübungsplätze, große zusammenhängende Fläche, ein Untergrund, der jahrzehntelang für Kettenfahrzeuge ausgelegt war, und eine Lage abseits dicht besiedelter Gebiete, sind genau die Kriterien, die auch ein kommerzielles Panzerfahren-Gelände braucht. Nach der Sanierung oder unter fortgeführter militärischer beziehungsweise ziviler Nutzung entstanden auf einem Teil dieser Flächen die Angebote, die es in dieser Form im dichter besiedelten Westen kaum gibt. Beispiele finden sich unter anderem in Steinhöfel in Brandenburg, Landsberg in Sachsen-Anhalt und Bad Langensalza in Thüringen, allesamt in Ländern, in denen die WGT stationiert war.

„Fast nur“ heißt allerdings nicht ausschließlich. In den alten Bundesländern gibt es einen eigenständigen Standort wie Knüllwald in Hessen, dessen Fläche aus einem langjährig genutzten Bundeswehr- oder NATO-Übungsgebiet stammt und mit dem sowjetischen Abzug nichts zu tun hat. Die eigentliche Konzentration im Osten erklärt sich also nicht daraus, dass es dort keine westdeutschen Truppenübungsplätze gäbe, sondern daraus, dass der Abzug von 1994 dort in kurzer Zeit ein Vielfaches an zusätzlicher, bereits erschlossener Fläche freigegeben hat, für die anschließend eine neue Nutzung gefunden werden musste. Wer heute auf einem dieser Gelände einen Kettenpanzer lenkt, bewegt sich über Boden, der jahrzehntelang genau für dieses Gewicht und diese Fahrzeugklasse ausgelegt war, nur unter anderem Vorzeichen.