Beitragsbild: KI-generierte Illustration

Der Harz war über vier Jahrzehnte Grenzregion. Die innerdeutsche Grenze durchschnitt das Mittelgebirge von Nord nach Süd, sicherte einen Sperrstreifen mit Wachtürmen, Zäunen und dem sogenannten Kolonnenweg und trennte Dörfer und Familien bis 1989. Wer sich für diese Geschichte interessiert, findet im Harz mehrere Grenzmuseen, erhaltene Grenzanlagen, den Wanderweg entlang des Grünen Bandes und mit der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora einen Ort, der an die nationalsozialistische Zwangsarbeit im Kohnstein erinnert. Eingeordnet werden hier die wichtigsten Ziele, bewusst getrennt nach Technikgeschichte und Gedenkorten.
Warum der Harz Grenzregion war
Nach 1945 verlief die Grenze zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone quer durch den Harz. Mit der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 wurde aus dieser Zonengrenze die innerdeutsche Grenze, ab den 1950er-Jahren zunehmend befestigt mit Zaunanlagen, Kontrollstreifen und Wachtürmen. Der Brocken, der höchste Berg des Mittelgebirges, lag unmittelbar an dieser Grenze und wurde deshalb militärisch besonders genutzt, dazu weiter unten mehr.
Für die Dörfer und Städte im Harz bedeutete die Grenze jahrzehntelang Sperrzonen, eingeschränkten Zugang zu eigenem Land und getrennte Familien auf beiden Seiten. Diese Zäsur wirkt bis heute nach, auch dort, wo die baulichen Spuren längst entfernt sind.
Grenzmuseen und Gedenkstätten im Harz
Das Freiland-Grenzmuseum Sorge liegt bei Sorge im Südharz, unweit von Braunlage, direkt auf dem Gelände der ehemaligen Grenzanlagen. Erhalten sind unter anderem ein Abschnitt des Grenzzauns, der Kolonnenweg aus Betonplatten und ein Beobachtungsturm. Ein Rundweg mit Informationstafeln führt über das Gelände, ergänzt um ein kleines Museum im ehemaligen Bahnhofsgebäude.
Nördlich des Harzes, am ehemaligen Grenzübergang Marienborn und Helmstedt, dokumentiert das Zonengrenz-Museum Helmstedt die Geschichte der innerdeutschen Grenze anhand von Originalobjekten, Fotografien und Modellen. Ein Ausstellungsteil trägt den Titel „Das Gesicht der Grenze“ und zeigt Grenzzaun, Warnschilder und die technischen Sperrmittel, mit denen die DDR Fluchtversuche verhindern wollte. Wenige Kilometer weiter liegt das Grenzdenkmal Hötensleben: ein Abschnitt der Grenzanlagen, der nach 1990 nicht abgebaut, sondern als Mahnmal erhalten wurde, direkt hinter den Wohnhäusern des Ortes.
Beide Stationen gehören zur Route „Grenzenlos, Wege zum Nachbarn“, die zusätzlich die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn einschließt, den ehemaligen größten Grenzübergang zwischen beiden deutschen Staaten. Wer alle drei Orte besucht, sieht sowohl die musealisierte Aufarbeitung als auch das unveränderte Gelände. Im Südharz, bei Bad Sachsa, markiert das Grenzlandmuseum Tettenborn einen weiteren Zugang zur Grenzgeschichte der Region.
Diese Orte sind keine Ausflugsziele im unterhaltenden Sinn. An der innerdeutschen Grenze starben Menschen bei Fluchtversuchen, durch Minen, Selbstschussanlagen und Schüsse der Grenztruppen. Die Museen und erhaltenen Anlagen sind Gedenk- und Lernorte. Ein Besuch lässt sich mit einer Wanderung oder einem Ausflug in den Harz verbinden, sollte aber den Charakter dieser Orte nicht verdrängen.
Der Kolonnenweg und das Grüne Band
Der Kolonnenweg war die Betonplattenstraße, auf der die Grenztruppen der DDR die Sperranlagen patrouillierten. Nach 1989 blieb der Streifen weitgehend unbebaut liegen. Das hat zwei Folgen, die sich heute besichtigen lassen: Auf vielen Abschnitten liegen die Betonplatten noch im Boden, und der ehemalige Todesstreifen hat sich zu einem der bedeutendsten Biotopverbünde Deutschlands entwickelt, dem Grünen Band. Der BUND betreut das Projekt seit 1989 entlang der gesamten ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Weil der Kontrollstreifen jahrzehntelang für die Landwirtschaft gesperrt war, konnten sich dort Lebensräume halten, die anderswo längst verschwunden sind. Der schmale, rund 1.400 Kilometer lange Streifen entlang der gesamten früheren Grenze gilt heute als Rückzugsraum für zahlreiche gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Im Harz kommt dazu, dass der Grenzstreifen an bergiges, wenig erschlossenes Gelände grenzt, was den ökologischen Effekt verstärkt.
Im Harz folgt der Harzer Grenzweg über weite Strecken dem alten Kolonnenweg. Die Streckenlänge wird unterschiedlich angegeben: Der Harz-Wanderkarten-Verlag nennt rund 74 Kilometer zwischen dem Kleinen Fallstein und Tettenborn, der Deutsche Wanderverband dagegen rund 89 Kilometer vom Grenzturm Rhoden bei Osterwieck bis zum Grenzlandmuseum Tettenborn bei Bad Sachsa. Die Angaben schwanken je nach Quelle, weil unterschiedliche Zubringer und Varianten mitgerechnet werden. Beide Routenbeschreibungen führen über den Brocken und verbinden Naturraum mit Grenzgeschichte.
Der Weg eignet sich für einzelne Tagesetappen ebenso wie für eine mehrtägige Wanderung. Wer ihn geht, sieht neben Betonplatten und einzelnen Wachtürmen auch Grenzsteine und frühere Beobachtungspunkte aus der Zeit vor 1989.
Mittelbau-Dora: nationalsozialistische Geschichte am Südrand des Harzes
Am Südrand des Harzes, bei Nordhausen, liegt ein Ort, der sich klar von den Grenzmuseen unterscheidet: die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Ab August 1943 trieben KZ-Häftlinge im Kohnstein einen unterirdischen Stollen voran, in dem eine Raketenfabrik entstehen sollte, nachdem die Fertigung der V2-Rakete von Peenemünde in den Südharz verlegt worden war. Ab Januar 1944 wurden im unterirdischen Mittelwerk V2-Raketen montiert.
Insgesamt waren mehr als 60.000 Menschen aus beinahe allen von Deutschland besetzten Ländern Europas im Lager inhaftiert. Rund 20.000 von ihnen, mindestens ein Drittel, kamen vor Kriegsende ums Leben. Sie starben an Hunger, Erschöpfung, Misshandlung und Krankheit bei der Zwangsarbeit im Stollensystem und auf den Räumungstransporten im April 1945. Amerikanische Truppen befreiten die verbliebenen Häftlinge am 11. April 1945.
Mittelbau-Dora war kein einzelnes Lager, sondern der Kern eines Systems aus mehr als 40 Außenlagern, das sich in den letzten beiden Kriegsjahren über die gesamte Region um Nordhausen erstreckte. Erst im Oktober 1944 erhielt das Lager Dora den Status eines eigenständigen Konzentrationslagers unter dem Namen Mittelbau, zuvor war es ein Außenlager des KZ Buchenwald. Diese Struktur erklärt, warum sich Spuren der Zwangsarbeit noch an mehreren Stellen im südlichen Harzvorland finden, nicht nur auf dem eigentlichen Gedenkstättengelände.
Diese Geschichte gehört nicht zu den Technikthemen dieses Beitrags. Sie steht für sich, als Ort der Zwangsarbeit und des Massensterbens, nicht als Station einer Technik- oder Ausflugsroute. Die Gedenkstätte bietet eine Dauerausstellung und Führungen, die diesen Hintergrund einordnen.
Technikmuseen und ehemalige militärische Anlagen
Auf dem Brocken, dem höchsten Berg des Harzes, betrieben der sowjetische Militärgeheimdienst GRU und das Ministerium für Staatssicherheit bis 1989 eine der größten Abhörstationen des Warschauer Pakts. Von den 1960er-Jahren bis zur friedlichen Öffnung am 3. Dezember 1989 war der Gipfel militärisches Sperrgebiet, umgeben von einer mehrere Meter hohen Mauer. Antennenanlagen fingen Funkverkehr aus weiten Teilen Westeuropas ab.
Das heutige Brockenhaus ist Nationalpark-Besucherzentrum. Es zeigt neben der Naturgeschichte des Nationalparks Harz auch die militärische Nutzung des Bergs, die nachrichtendienstliche Tätigkeit und die Ereignisse rund um die Öffnung 1989. Das Gebäude selbst war Teil der ehemaligen Horchstation. Ein weiteres Ausstellungsthema ist die Renaturierung des Brockengipfels nach dem Abzug der militärischen Nutzung, die zeigt, wie sich das Gelände seit 1989 wieder zu Bergwiese und Fichtenwald entwickelt hat.
Der Zugang zum Brocken war zu DDR-Zeiten selbst für die eigene Bevölkerung gesperrt. Erst mit der als „friedliche Erstürmung“ bekannten Öffnung im Dezember 1989 kam der Gipfel wieder in zivile Nutzung, heute erreichbar zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Brockenbahn.
Weitere technische Spuren der Grenzsicherung liegen verstreut entlang des Kolonnenwegs: einzelne Beobachtungstürme, Fahrzeugsperren und Reste der Signalzäune, mit denen die DDR-Grenztruppen Grenzverletzungen meldeten. Anders als am Brocken sind diese Anlagen meist nicht musealisiert, sondern liegen unkommentiert im Gelände, etwa entlang der Strecke zwischen Sorge und Tettenborn. Einen bundesweiten Überblick über weitere Technikmuseen mit militärhistorischem Bezug liefert der Beitrag Die größten Militärtechnik-Museen Deutschlands.
Praktische Hinweise für den Besuch
Die Öffnungszeiten der Grenzmuseen und des Brockenhauses wechseln saisonal, ebenso einzelne Wanderwegabschnitte, die je nach Witterung gesperrt werden können. Prüfen Sie das vor der Anreise direkt bei der jeweiligen Einrichtung. Die erhaltenen Grenzanlagen im freien Gelände sind ganzjährig zugänglich, eine Führung lohnt sich aber, um die Anlagen historisch einordnen zu können.
Wer die Grenzgeschichte mit einem längeren Aufenthalt im Harz verbinden will, findet Anregungen im Beitrag Wochenendtrip Harz. Einen Blick auf weitere ehemalige Standorte im Bundesgebiet liefert der Beitrag Reisen zu ehemaligen Militärstandorten. Wer im Harz selbst hinter das Steuer eines historischen Kettenfahrzeugs möchte, findet das Angebot vor Ort auf der Seite Panzer fahren in Benneckenstein. Weitere Beiträge zu militärhistorischen Themen sammelt der Ratgeber-Bereich von panzerfahren.de.