Beitragsbild: KI-generierte Illustration

Am 3. Oktober 1990 übernahm die Bundeswehr sämtliches noch vorhandenes Gerät der Nationalen Volksarmee. Der überwiegende Teil wurde in den folgenden Jahren verschrottet, ein kleinerer Teil ging an ausländische Abnehmer, und ein schmaler Rest blieb in Museen erhalten. Aus genau diesem Rest, aus dem Überschussmarkt der 1990er Jahre und aus späteren Weiterverkäufen stammt ein guter Teil der Fahrzeuge, die heute auf deutschen Erlebnisgeländen zu fahren sind, darunter T-55, BMP-1 und verschiedene Schützenpanzerwagen.
Die Übergabe am 3. Oktober 1990
Mit dem letzten Tagesbefehl endete am 2. Oktober 1990 die eigenständige Existenz der NVA. Am Tag darauf übernahm die Bundeswehr die verbliebenen Kräfte und Bestände. Für die Verwaltung war fortan das neu geschaffene Bundeswehrkommando Ost zuständig, das der spätere General Jörg Schönbohm befehligte.
Was an jenem Tag in die Bücher der Bundeswehr überging, war ein Bestand von erheblichem Umfang. Neben Hunderttausenden Handfeuerwaffen, umfangreicher Munition und einem großen Fuhrpark an Rad- und Nutzfahrzeugen standen mehrere tausend gepanzerte Kettenfahrzeuge in den Depots. Genaue Stückzahlen schwanken je nach Quelle und Stichtag, weil die Verschrottung bereits vor der Übergabe begonnen hatte. Größenordnungsmäßig ist von rund 2.500 bis 2.800 Kampfpanzern die Rede, dazu kamen mehrere tausend weitere gepanzerte Fahrzeuge wie Schützenpanzer und Spähwagen.
Drei Kategorien für ein Gerät
Die Bundeswehr sortierte das übernommene Material in drei Kategorien. Kategorie I umfasste Gerät, das dauerhaft oder für einen begrenzten Zeitraum weitergenutzt werden sollte. Kategorie II betraf Fahrzeuge und Waffen für einen vorübergehenden Einsatz, bis sie in Kategorie III übergingen. Kategorie III bedeutete den Ausschluss von der weiteren Nutzung und damit die Verwertung, also Verkauf oder Verschrottung.
Nur ein kleiner Teil des Materials erreichte Kategorie I. Bekanntestes Beispiel sind die MiG-29-Kampfflugzeuge, die noch bis 2004 bei der Bundeswehr flogen. Bei den gepanzerten Landfahrzeugen war der Anteil an dauerhaft übernommenem Gerät deutlich geringer. Kampfpanzer wie der T-72 oder Schützenpanzer wie der BMP-1 passten nicht in die Logistik der Bundeswehr, die auf westliches Ersatzteilwesen und westliche Munition ausgelegt war. Ein zweiter Antrieb aus verschiedenen Fabriken und zwei parallele Nachschubketten waren nach der Wiedervereinigung nicht mehr vorgesehen.
Ein Teil der Kategorie-II-Fahrzeuge diente in den ersten Jahren nach 1990 noch als Ausbildungs- und Vorführgerät, etwa um westlichen Streitkräften und der eigenen Truppe die Technik des ehemaligen Warschauer Pakts zu zeigen. Diese Phase war zeitlich begrenzt, danach folgte auch für dieses Gerät die Überführung in Kategorie III.
Zwei-plus-Vier-Vertrag und KSE-Vertrag
Der Umgang mit dem NVA-Material war kein rein deutsches Verwaltungsproblem, sondern durch internationale Verträge gerahmt. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 verpflichtete sich die Bundesrepublik, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands innerhalb von drei bis vier Jahren auf eine Personalstärke von 370.000 Soldaten zu reduzieren. Diese Erklärung wurde als vertragsbegleitende Note dem KSE-Vertrag beigefügt, dem Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa.
Der KSE-Vertrag setzte für die Unterzeichnerstaaten Obergrenzen für Kampfpanzer, gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Für das vereinte Deutschland bedeutete das, dass die addierten Bestände aus Bundeswehr und NVA deutlich über den erlaubten Höchstzahlen lagen. Ein Teil des NVA-Materials musste allein deshalb aus dem Verkehr gezogen werden, unabhängig davon, in welchem technischen Zustand er sich befand.
Verschrottung als häufigstes Schicksal
Für den Großteil des Kategorie-III-Materials war die Verschrottung der übliche Weg. Zur Bewachung und Lagerhaltung der Bestände wurde eigens die Material Depot Service Gesellschaft (MDSG) gegründet, die 1994 privatisiert wurde. Für den eigentlichen Verkauf und die Verwertung war die VEBEG zuständig, die bundeseigene Verwertungsgesellschaft.
Munition wurde gesondert behandelt. In Königswartha in der Oberlausitz begann bereits im September 1990 die systematische Munitionsvernichtung. Bei den Fahrzeugen selbst lief die Verschrottung parallel zur Übergabe, sodass die Bestandszahlen, die verschiedene Quellen für 1990 nennen, je nach genauem Stichtag voneinander abweichen.
Verkauf und Weitergabe ins Ausland
Ein kleinerer Teil des Materials ging an andere Staaten oder an private Käufer. Dokumentiert sind unter anderem Schützenpanzerwagen, die in die Türkei gingen, Pionierfahrzeuge, die nach Schweden verkauft wurden, Luftabwehrsysteme für Griechenland und Schiffseinheiten für Indonesien. Einzelne Waffensysteme gingen zu Testzwecken in die USA.
Auch bei Luftfahrzeugen gab es Verkäufe an Privatpersonen: Strahltrainer vom Typ L-39 Albatros wurden in die USA verkauft und sind dort teilweise bis heute flugfähig im Einsatz. Diese Beispiele zeigen, dass der Abfluss von NVA-Gerät ins Ausland nicht auf einen einzelnen Fahrzeugtyp oder ein einzelnes Land beschränkt war, sondern über mehrere Kanäle gleichzeitig verlief.
Anders als bei einem regulären Rüstungsexport handelte es sich bei diesen Geschäften überwiegend um die Abwicklung eines Überschusses, nicht um eine gezielte Ausrüstungspolitik. Käufer bekamen gebrauchtes, teils bereits älteres Gerät zu vergleichsweise niedrigen Preisen, während die deutsche Seite vor allem daran interessiert war, Lager- und Bewachungskosten zu vermeiden. Diese Marktlage der frühen 1990er Jahre ist einer der Gründe, warum sowjetische Fahrzeugtypen bis heute in vielen Ländern außerhalb der früheren Warschauer-Pakt-Staaten zu finden sind.
Was in Museen blieb
Ein kleiner Teil des Materials wurde für die museale Sammlung zurückgehalten. Das Deutsche Panzermuseum Munster, 1983 gegründet, zeigt neben Fahrzeugen der Wehrmacht, der Bundeswehr und ausländischer Armeen auch Technik der NVA. Seit Februar 2023 verfügt das Museum über eine neu gestaltete Dauerausstellung mit mehr als 50 Informationstafeln, die die Geschichte der Panzertechnik kritisch und aus mehreren Perspektiven einordnet.
Das Museum ist eine zivil-militärische Kooperation: Die Bundeswehr ist für Sammlung und Erhalt der Fahrzeuge zuständig, die Stadt Munster für Betrieb und Vermittlung. Für Besucher, die NVA-Technik im direkten Vergleich zu westlichem Gerät derselben Epoche sehen wollen, ist das Museum die verlässlichste Anlaufstelle.
Neben Munster bewahren auch kleinere, oft ehrenamtlich getragene Sammlungen an ehemaligen NVA-Standorten einzelne Fahrzeuge und Ausrüstungsstücke. Diese Häuser sind in Umfang und Öffnungszeiten sehr unterschiedlich aufgestellt, ihr Bestand hängt stark davon ab, was am jeweiligen Standort nach 1990 vor Ort verblieb, statt abtransportiert oder verschrottet zu werden.
Vom Kasernenhof zum Erlebnisgelände
Die Fahrzeuge, die heute auf privaten Erlebnisgeländen in Deutschland stehen, kommen selten direkt aus einem NVA-Depot. Zwischen der Auflösung 1990 und der Gründung der ersten Anbieter lagen meist Jahre bis Jahrzehnte, in denen das Material über Zwischenhändler, Armeeüberschussmärkte in Mittel- und Osteuropa sowie private Sammler weiterverkauft wurde. Tschechien und die Slowakei, beide frühere Nutzer sowjetischer Technik mit eigenen Beständen, haben sich in diesem Gebrauchtmarkt über die Jahre zu wichtigen Umschlagplätzen entwickelt.
Dieser Umweg erklärt, warum auf deutschen Erlebnisgeländen überwiegend Ostblocktechnik zu finden ist und nicht etwa ausgemustertes Bundeswehr-Gerät: Fahrzeuge wie der T-55 oder der BMP-1 wurden in so großen Stückzahlen gebaut, waren technisch robust genug für den zivilen Weiterbetrieb und kamen nach dem Ende des Warschauer Pakts in großer Zahl auf den Markt. Wer sich dafür interessiert, wo genau solche Fahrzeuge heute gefahren werden, findet Beispiele in Regionen, die selbst zur ehemaligen DDR gehörten, etwa in Steinhöfel, Landsberg, Bad Langensalza oder Gotha. Auch außerhalb der neuen Bundesländer, etwa in Knüllwald, stehen inzwischen T-55 und BMP-1 auf den Fahrstrecken.
Wer ein solches Fahrzeug selbst fahren möchte, findet ein passendes Angebot auch als Gutschein.
Häufige Fragen
Was geschah mit den Panzern der NVA nach 1990?
Der überwiegende Teil wurde verschrottet. Ein kleinerer Teil ging an andere Staaten oder Privatpersonen, ein sehr kleiner Teil wurde von der Bundeswehr weitergenutzt oder in Museen bewahrt.
Warum stehen auf deutschen Erlebnisgeländen so viele Ostblock-Fahrzeuge?
Sowjetische Konstruktionen wie der T-55 oder der BMP-1 wurden in hoher Stückzahl gebaut und waren technisch robust. Nach der Auflösung des Warschauer Pakts kamen viele dieser Fahrzeuge über den Gebrauchtmarkt in private Hände.
Wo lassen sich erhaltene NVA-Fahrzeuge im Museum sehen?
Die größte Sammlung mit direktem Vergleich zu Bundeswehr- und Wehrmachtstechnik zeigt das Deutsche Panzermuseum in Munster.
Warum weichen die Zahlen zu den NVA-Beständen je nach Quelle ab?
Weil die Verschrottung bereits parallel zur politischen Wende begann und einzelne Aufstellungen unterschiedliche Stichtage zugrunde legen.