Ein aktives Schutzsystem ist eine Schutzeinrichtung an gepanzerten Fahrzeugen, die anfliegende Bedrohungen selbstständig erkennt und noch vor dem Auftreffen auf das Fahrzeug beeinflusst. Es besteht aus drei Bauteilgruppen: Sensorik zur Erfassung, einem Rechner zur Auswertung der Flugbahn und einem Effektor, der die Gegenmaßnahme auslöst. Anders als passive Panzerung wird das System bereits im Anflug der Bedrohung aktiv, nicht erst beim Treffer.
Aktives Schutzsystem im Detail
Der Aufbau folgt bei den bekannten Systemen demselben Grundschema. Die Sensorik, meist Radar- oder Infrarotsensoren, überwacht das Umfeld des Fahrzeugs fortlaufend. Beim System Trophy des Herstellers Rafael sind dafür vier Radarpaneele rundum am Turm verteilt. Andere Systeme kombinieren die Sensorik anders: ADS-Gen3 von Rheinmetall setzt auf radarbasierte und redundante elektro-optische Sensoren, Iron Fist von Elbit auf Radar- und Infrarotsensoren gemeinsam. Diese Einteilung in Sensorik, Rechner und Effektor beschreibt auch eine Fachanalyse zu Schutztechnologien für militärische Landfahrzeuge.
Erfasste Daten laufen in einem Rechner zusammen, der die Flugbahn der Bedrohung berechnet und daraus ableitet, ob und wann ein Effektor ausgelöst werden muss. Bei Trophy übernimmt dafür ein Hochleistungsrechner die Auswertung, bei ADS-Gen3 ein Feuerleitcomputer, der zusätzlich nach der Sicherheitsnorm DIN ISO 61508 arbeitet, um ein unbeabsichtigtes Auslösen zu verhindern.
Der Effektor ist das Bauteil, das die Gegenmaßnahme tatsächlich ausführt. Hier unterscheiden sich zwei Systemkategorien grundsätzlich. Hard-Kill-Systeme wie Trophy, Iron Fist, ADS-Gen3 und AVePS von Diehl lösen eine Werfereinheit aus, die eine Ladung in Richtung der Bedrohung abgibt und diese zerstört. Soft-Kill-Systeme wie das MUSS-System, das im Schützenpanzer Puma verbaut ist, kommen ohne Wurfkörper aus: Sie stören die Lenksysteme lenkbarer Bedrohungen und bringen sie so vom Kurs ab, ohne sie zu zerstören.
Nachrüstbarkeit ist ein zentrales Merkmal aktiver Schutzsysteme. Weil Sensorik, Rechner und Effektor als eigenständige Baugruppen von außen angebracht werden, lassen sich auch ältere Fahrzeuggenerationen damit ausstatten. Die Bundeswehr rüstet auf diesem Weg Leopard-2-Kampfpanzer mit dem System Trophy nach, zunächst 17 Fahrzeuge aus der Bestandsflotte, ergänzt um 123 Fahrzeuge der neuen Variante A8.
Ganz folgenlos bleibt die Nachrüstung für die Fahrzeugstruktur selten. Laut Fachanalysen stößt die Erprobung aktiver Schutzsysteme auf dem US-amerikanischen Stryker-Radpanzer an die Grenzen der Fahrzeugstruktur, verbunden mit Problemen bei Gewicht und Platz, weil ein ursprünglich nicht dafür ausgelegtes Fahrzeug zusätzliches Gewicht für Sensorik, Rechner und Effektor aufnehmen muss. Für das Umfeld des Fahrzeugs ist vor allem bei Hard-Kill-Systemen relevant, dass der Effektor rings um das Fahrzeug wirkt: Das ist bei Fahrzeugen im Verbund mit eigener Infanterie oder anderen Fahrzeugen in unmittelbarer Nähe technisch zu berücksichtigen.
Bedeutung beim Panzerfahren
Auf den Strecken von panzerfahren.de sind ausschließlich historische Fahrzeuge unterwegs, die vor der Entwicklung aktiver Schutzsysteme konstruiert wurden. Ein aktives Schutzsystem ist an keinem der gelisteten Fahrzeuge zu erwarten. Wer die auffälligen Radar- und Sensorpaneele am Turm moderner Kampfpanzer aus Fotos oder Ausstellungen kennt, findet an den hier fahrbaren Modellen stattdessen unverkleidete Turmflächen ohne Zusatzelektronik. Der Unterschied macht sichtbar, wie stark sich die Fahrzeugtechnik seit dem Kalten Krieg verändert hat: weniger durch dickere Panzerplatten, mehr durch Sensorik und Rechenleistung, die dem eigentlichen Panzerungsmaterial vorgelagert sind.
Verwandte Begriffe
Aktive Schutzsysteme stehen im Zusammenhang mit anderen Schutzkonzepten, die im Lexikon von panzerfahren.de erklärt werden: NBC-Schutzsystem, Reaktivpanzerung, Verbundpanzerung und Schottpanzerung.