Reaktivpanzerung ist ein Zusatzschutz aus einzelnen Kassetten, die außen auf die vorhandene Fahrzeugpanzerung montiert werden. Jede Kassette besteht aus einer dünnen Sprengstoffschicht zwischen zwei Metallplatten. Trifft ein Geschoss die Kassette, löst der Aufschlag die Ladung aus, die Deckplatte wird nach außen beschleunigt und stört den Angriffsvorgang, bevor er die darunterliegende Grundpanzerung erreicht.
Reaktivpanzerung im Detail
Die Kassetten werden in der Regel schräg an Turm und Wanne befestigt, geschraubt oder angeschweißt, und decken die Flächen ab, die am stärksten exponiert sind. Anders als massive Stahl- oder Verbundpanzerung ist Reaktivpanzerung passiv im Ruhezustand: Sie wirkt nur im Moment des Treffers, wenn die Sprengladung in der getroffenen Kassette auslöst. Die Kassetten sind einzeln voneinander abgesetzt, damit bei einem Treffer nur die unmittelbar betroffenen Elemente reagieren und nicht die gesamte Fläche.
Der große Vorteil liegt in der Nachrüstbarkeit. Weil die Module als fertige Bauteile von außen angebracht werden, lässt sich ein bestehendes Fahrzeug ohne Eingriff in die Grundstruktur aufwerten. Ältere Fahrzeuggenerationen, die ursprünglich ohne Reaktivpanzerung konstruiert wurden, lassen sich so nachträglich auf den Stand aktueller Bedrohungslagen bringen, ohne dass Wanne oder Turm neu gefertigt werden müssen. Die Bundeswehr rüstet auf diesem Weg den Schützenpanzer Puma mit zusätzlichen Reaktivschutzmodulen aus, die außen am Fahrzeug befestigt werden und den vorhandenen Schutz aufstocken sollen, ohne das Fahrzeug grundlegend umzubauen. Beschädigte oder ausgelöste Kassetten lassen sich einzeln austauschen, ein Vorteil gegenüber fest integrierter Panzerung, bei der eine Beschädigung den gesamten Bauteil betrifft.
Dieser Vorteil hat einen Preis. Jede zusätzliche Kassette erhöht das Gesamtgewicht des Fahrzeugs. Fachpublikationen zur Nachrüstung von Kampfpanzern weisen darauf hin, dass ein voll bestücktes Zusatzpanzerungspaket den Kraftstoffverbrauch steigert, das Fahrwerk stärker belastet und bei ungleichmäßiger Lastverteilung sogar den Turmdrehkranz beanspruchen kann. Für Begleitpersonal in Fahrzeugnähe bedeutet ausgedehnte Zusatzpanzerung außerdem, dass Anbauten wie Nebelmittelwurfanlagen in ihrer Funktion eingeschränkt werden können, was den Schutz der Besatzung und begleitender Soldaten indirekt betrifft.
Bedeutung beim Panzerfahren
Auf den Strecken, die bei panzerfahren.de gelistet sind, fahren überwiegend historische Fahrzeuge aus der Zeit vor der Serieneinführung von Reaktivpanzerung. Wer an so einem Fahrzeug tatsächlich Kassetten oder deren Halterungen sieht, hat es meist mit einer späteren Nachrüstung oder einem Museumsexponat zu tun, nicht mit dem Auslieferungszustand. Für das Fahrverhalten ist vor allem der Gewichtsaspekt spürbar: Fahrzeuge mit zusätzlicher Außenpanzerung reagieren träger in der Lenkung und benötigen mehr Bremsweg, ein Effekt, den Fahrschüler bei schwereren Modellen im Vergleich zu leichteren Varianten direkt merken.
Verwandte Begriffe
Reaktivpanzerung steht im Zusammenhang mit anderen Panzerungskonzepten, die im Lexikon von panzerfahren.de erklärt werden: Verbundpanzerung, Schrägpanzerung, Schottpanzerung und Aktives Schutzsystem.