Truppenübungsplätze als Naturräume: Warum Militärbrachen zu Schutzgebieten wurden

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Luftbild einer Heide- oder Offenlandfläche auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz, ohne Wappen oder Truppenkennzeichen im Bild
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Truppenübungsplätze gehören zu den unerwartetsten Naturschutzflächen Deutschlands. Jahrzehntelang dienten sie Fahrübungen, Schießübungen und Manövern. Gerade dadurch blieben sie von zwei Entwicklungen verschont, die fast jede andere Fläche im Land verändert haben: Düngung und Bebauung. Gleichzeitig hielt die militärische Nutzung die Landschaft offen, wo sie sonst zuwachsen würde. Nach dem Truppenabzug der 1990er Jahre zeigte sich, dass viele dieser Flächen seltene Heiden, Magerrasen und Moore in einem Zustand bewahrt hatten, den die intensive Landwirtschaft andernorts längst beseitigt hatte. Ein erheblicher Teil davon ist heute als Nationales Naturerbe dauerhaft gesichert.

Kein Dünger, keine Bauten: was militärische Nutzung verhindert hat

Was einen Truppenübungsplatz von anderen militärischen Liegenschaften unterscheidet, ist seine Größe und seine weitgehend unbebaute Fläche. Genau diese Eigenschaften machen ihn im Nachhinein für den Naturschutz interessant.

Landwirtschaftliche Flächen wurden seit den 1950er Jahren zunehmend gedüngt, entwässert und intensiver bewirtschaftet. Truppenübungsplätze blieben davon ausgenommen. Auf ihnen wurde nicht gepflügt, nicht gedüngt und nicht gebaut. Straßen, Siedlungen und Gewerbegebiete fehlen bis heute in den Kernzonen. Das Ergebnis sind nährstoffarme Böden, auf denen sich Pflanzengesellschaften halten konnten, die auf gedüngten Flächen längst verschwunden sind.

Ein Beispiel ist der Truppenübungsplatz Altmark mit der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) umfasst das Gebiet rund 28.600 Hektar. Mehr als 70 Prozent der Fläche stehen als FFH- und Vogelschutzgebiet unter europäischem Schutz, mit ausgedehnten Calluna-Heiden, Sandmagerrasen und offenen Dünenbereichen. Arten wie Wiedehopf, Brachpieper und Birkhuhn kommen dort in einer Dichte vor, die außerhalb solcher Flächen kaum noch zu finden ist.

Offenhaltung durch Befahrung und kontrollierten Brand

Heiden und Magerrasen sind keine Klimax-Landschaften. Ohne Störung wachsen sie zu Wald zu. Früher übernahmen große Pflanzenfresser und natürliche Brände diese Aufgabe, in der Kulturlandschaft später Schafbeweidung und Plaggenhieb. Auf Truppenübungsplätzen erledigten Kettenfahrzeuge und Übungsfeuer einen Teil dieser Funktion, ungeplant, aber wirksam. Fahrspuren schufen offene Bodenstellen, auf denen Pionierarten wie Sandsegge oder Silbergras neu keimen konnten. Wo Beschuss stattfand, verhinderte das Feuer die Ausbreitung von Gehölzen.

Der BUND Thüringen bezeichnet solche Flächen als unverzichtbare Refugien für die Natur, gerade weil sie durch die militärische Nutzung offengehalten wurden, während vergleichbare Flächen in der übrigen Landschaft zuwuchsen oder bebaut wurden. Der Zusammenhang lässt sich auch umgekehrt beobachten: Als die Nutzungsintensität auf Teilen der Colbitz-Letzlinger Heide zurückging, breiteten sich Birken-Pionierwälder auf ehemals offenen Flächen aus. Offenhaltung ist demnach kein einmaliger Zustand, sondern das Ergebnis andauernder Störung. Fällt sie weg, beginnt die Sukzession von Neuem.

Munitionsbelastung: Sperrzone und Rückzugsraum zugleich

Truppenübungsplätze sind keine harmlosen Brachen. Der NABU weist darauf hin, dass im Boden vieler ehemaliger Übungsflächen Munition lagert, die jederzeit auslösen kann, dazu Reste von Kampfstoffen, Schwermetalle und Mineralölrückstände, die teils ins Grundwasser gesickert sind. Diese Belastung ist der Grund, warum große Teile solcher Flächen bis heute gesperrt oder nur mit besonderer Genehmigung zugänglich sind.

Das gilt uneingeschränkt weiter: Wer ein gesperrtes oder ehemaliges Militärgelände ohne Freigabe betritt, geht ein Lebensgefahr durch Blindgänger ein, die auch Jahrzehnte nach dem Ende der Nutzung noch scharf sein können. Das ist kein theoretisches Risiko. Im Bereich der Wehrtechnischen Dienststelle in Meppen, wo bis heute Munition und Waffensysteme erprobt werden, haben Vorfälle mit unkontrolliertem Feuer in der Vergangenheit gezeigt, wie unberechenbar solches Gelände bleibt. Genau diese Unzugänglichkeit ist paradoxerweise ein Schutzfaktor: Wo Menschen nicht hinkommen, bleiben Bodenbrüter, seltene Amphibien und störungsempfindliche Pflanzen ungestört. Der Rückzugsraum entsteht nicht trotz, sondern wegen der Sperrung. Das ist kein Aufruf, solche Flächen zu betreten, sondern der Grund, warum sie ökologisch so wertvoll sind.

Das Nationale Naturerbe: ein Bundesprogramm für ehemalige Militärflächen

2005 vereinbarte die damalige Bundesregierung, national bedeutsame Naturschutzflächen des Bundes nicht zu privatisieren, sondern unentgeltlich an Länder, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) oder Naturschutzverbände zu übertragen. Aus dieser und den folgenden Vereinbarungen von 2009, 2013 und 2018 entstand das Nationale Naturerbe. Es umfasst nach aktuellen Angaben des BfN rund 164.000 Hektar, verteilt auf Flächen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH und des Grünen Bandes entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Die DBU Naturerbe GmbH, eine gemeinnützige Tochter der DBU, verwaltet davon rund 69.000 bis 70.000 Hektar auf etwa 70 vormaligen Truppenübungsplätzen in mehreren Bundesländern, wie sowohl das BfN als auch Pressemitteilungen der DBU bestätigen. Der überwiegende Teil der Naturerbeflächen liegt laut BfN in den ostdeutschen Bundesländern, wo nach der Wiedervereinigung besonders viele Truppenübungsplätze der sowjetischen Streitkräfte und der NVA frei wurden. Ziel des Programms ist dauerhafter Schutz statt Verkauf: Offenlandbereiche werden durch Beweidung oder gezielte Pflege erhalten, Wälder weitgehend sich selbst überlassen.

Neben den Truppenübungsplätzen gehören zum Nationalen Naturerbe auch Teile des Grünen Bandes entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und stillgelegte Bergbauflächen. Alle drei Flächentypen verbindet dieselbe Ausgangslage: jahrzehntelange Nutzungseinschränkung durch einen Sperrstreifen, eine Abbaugrube oder eine militärische Sicherheitszone, die am Ende zum eigentlichen Schutz wurde. Der Bund übernimmt für die übertragenen Flächen keine laufende Pflege mehr, sondern überträgt diese Aufgabe an die neuen Träger. Wie die einzelne Fläche bewirtschaftet wird, entscheidet ein Pflege- und Entwicklungsplan, der Offenlandbereiche und Waldflächen unterschiedlich behandelt.

Beispiele aus mehreren Bundesländern

Bei Mahlwinkel und Landsberg liegt die Region der Colbitz-Letzlinger Heide, deren Offenland auch nach dem Ende der NVA-Nutzung erhalten blieb, weil die Bundeswehr Teile des Geländes weiter militärisch nutzt und andere Teile ins Nationale Naturerbe übergingen.

In Thüringen, wo panzerfahren.de unter anderem Standorte in Gotha und Bad Langensalza führt, benennt der BUND Thüringen die früheren Übungsplätze Ohrdruf, Lossa und Künkel als Beispiele für Flächen, die zu Refugien wurden. Solche Areale liegen laut BUND Thüringen typischerweise zwischen 2.000 und 5.000 Hektar. Bei Rothenstein nahe Jena hat die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe nach eigenen Angaben seit 2007 rund 100 Hektar erworben, weitere 200 Hektar sind das Ziel. Auf einer rund 12 Hektar großen Teilfläche wird eine besonders artenreiche Orchideenwiese per Handpflege erhalten, weil Maschineneinsatz dort die Bestände schädigen würde.

Ein weiteres Beispiel liegt außerhalb der ostdeutschen Schwerpunktregion: Auf der Schmidtenhöhe bei Koblenz betreibt der NABU seit 2009 ein Beweidungsprojekt mit Rindern und Pferden auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz, um Naturschutz, Landwirtschaft und Naherholung zu verbinden.

Wo Panzerfahren heute möglich ist

Die kommerziellen Panzerfahrten, die panzerfahren.de auflistet, finden nicht in Naturschutz-Kernzonen oder munitionsbelasteten Sperrgebieten statt. Betreiber nutzen abgegrenzte, freigegebene Geländeabschnitte, oft auf Flächen mit derselben militärischen Vorgeschichte wie die beschriebenen Schutzgebiete, aber ohne deren Zugangsbeschränkung. Standorte wie Landsberg, Benneckenstein oder Bad Langensalza zeigen die Bandbreite: strukturschwache, oft frühere Übungsgebiete, die heute unter kontrollierten Bedingungen befahren werden dürfen. Wer selbst einmal auf solchem Gelände sitzen möchte, findet die Übersicht der Standorte im Verzeichnis, ein Blick auf den Panzerfahren Gutschein lohnt sich für alle, die das als Geschenk planen.

Für die tatsächlich geschützten und gesperrten Flächen gilt das Gegenteil: kein Betreten, keine Ausnahme, unabhängig davon, wie verlockend eine vermeintlich menschenleere Heide wirkt. Was diese Flächen als Naturraum wertvoll macht, ist genau die Zugangsbeschränkung, die sie auch gefährlich macht.

Häufige Fragen

Darf ich einen ehemaligen Truppenübungsplatz einfach betreten?

Nein. Auch wenn ein Gelände militärisch nicht mehr genutzt wird, bleibt es häufig munitionsbelastet und ist entsprechend gesperrt oder nur auf ausgewiesenen Wegen zugänglich. Das Betreten gesperrter Bereiche ist verboten und lebensgefährlich.

Was ist der Unterschied zwischen einem Naturerbe-Gebiet und einem aktiven Truppenübungsplatz?

Naturerbe-Gebiete sind Flächen, die der Bund nach 2005 nicht verkauft, sondern an Länder, die DBU oder Naturschutzverbände übertragen hat. Aktive Truppenübungsplätze werden weiterhin militärisch genutzt und unterliegen zusätzlich dem Zugangsrecht der Bundeswehr.

Warum ist ausgerechnet Munition ein Vorteil für den Naturschutz?

Nicht die Munition selbst schützt die Natur, sondern die daraus folgende Zugangsbeschränkung. Weil Menschen solche Flächen meiden müssen, bleiben störungsempfindliche Arten weitgehend ungestört. Der Effekt ist eine Nebenfolge der Gefahrenabwehr, kein geplanter Schutzmechanismus.

*Alle Angaben zu Flächengrößen und Institutionen ohne Gewähr, Stand: August 2026.*