Wie lenkt man einen Panzer

Ein Kettenfahrzeug hat kein Lenkrad im klassischen Sinn. Es lenkt, indem die beiden Ketten mit unterschiedlicher Geschwindigkeit laufen: Die kurveninnere Kette wird langsamer, die kurvenäußere schneller, und das Fahrzeug dreht sich zur langsameren Seite. Dafür setzen Panzer zwei Grundprinzipien ein, die einfache Kupplungslenkung mit Bremsbändern und das aufwendigere Überlagerungslenkgetriebe, das Antriebsverluste minimiert. Radpanzer wie der Transportpanzer Fuchs lenken dagegen anders, sie haben gelenkte Achsen und funktionieren im Grundprinzip wie ein Lastwagen.

Kettenfahrzeug oder Radpanzer: zwei unterschiedliche Wege

Panzer teilen sich in zwei Fahrwerkskonzepte auf, und die Lenkung folgt jeweils einem eigenen Prinzip.

Kettenfahrzeuge wie Kampf- und Schützenpanzer haben keine gelenkten Räder. Ihre Ketten liegen fest auf den Laufrollen, ein Einschlagen wie beim Auto ist konstruktiv nicht vorgesehen. Die Richtungsänderung entsteht ausschließlich über die Drehzahldifferenz der beiden Ketten. Warum diese Fahrzeuge überhaupt auf Ketten statt auf Rädern fahren, erklärt der Beitrag Warum haben Panzer Ketten.

Radpanzer wie Transportpanzer und viele Spähfahrzeuge haben dagegen klassische Achsen mit lenkbaren Rädern. Ihr Lenkprinzip ähnelt dem eines Lastwagens, nur mit mehr Achsen und meist permanentem Allradantrieb.

Der Grund für die unterschiedlichen Konzepte liegt im Gewicht und in der Traktion. Kettenfahrzeuge verteilen ihr Gewicht über eine große Aufstandsfläche und erreichen dadurch auch im weichen Gelände hohen Vortrieb, eine Lenkung über einschlagbare Räder wäre bei dieser Bauweise nicht sinnvoll umsetzbar. Radpanzer sind dafür schneller auf befestigten Strecken unterwegs und einfacher zu warten, weil sie auf bewährte Achs- und Lenktechnik aus dem Lkw-Bau zurückgreifen können.

Kupplungslenkung: das einfache Grundprinzip

Die Kupplungslenkung ist die älteste und mechanisch einfachste Lösung. In jedem Radvorgelege, also der Kraftübertragung zu jeder Kettenseite, sitzt eine eigene Kupplung. Tritt der Fahrer die Kupplung einer Seite, wird diese Kette nicht mehr angetrieben und läuft langsamer oder steht still. Die andere Seite läuft mit voller Kraft weiter, das Fahrzeug dreht in die ausgekuppelte Richtung.

In der einfachsten Ausführung übernimmt eine Lenkbremse mit Bremsbändern diese Aufgabe. Ein Bremsband legt sich um eine Trommel und bremst eine Kette ab, während die andere Seite über ein Differentialgetriebe weiterläuft. Der Nachteil liegt im Verschleiß: Bremsbänder nutzen sich schnell ab und müssen regelmäßig nachgestellt oder getauscht werden. Zudem geht bei jeder Kurvenfahrt Antriebsleistung als Bremswärme verloren, statt an die Ketten zu gehen.

Kupplungs- und Bremslenkungen prägten einfach konstruierte Kettenfahrzeuge über Jahrzehnte, weil sie robust und mit vergleichsweise wenig Aufwand zu bauen sind. Für leichtere und ältere Kettenfahrzeuge ist das Prinzip bis heute im Einsatz, auch bei manchen Fahrzeugen, die auf Erlebnisstrecken für Selbstfahrer eingesetzt werden.

Überlagerungslenkgetriebe: die verlustarme Weiterentwicklung

Moderne Kampfpanzer setzen stattdessen auf ein Überlagerungslenkgetriebe. Der Name beschreibt das Prinzip: Der normalen Antriebsdrehzahl wird über ein Planetengetriebe eine zweite, steuerbare Drehbewegung überlagert, statt eine Seite einfach abzubremsen.

Bei Geradeausfahrt treibt der Motor über Kupplung und Schaltgetriebe zwei Sonnenräder an, die über Planetenradsätze beide Triebräder mit gleicher Drehzahl versorgen. Für die Kurvenfahrt wird zusätzlich ein Hohlrad in Bewegung gesetzt, meist über einen Hydraulikmotor. Diese Zusatzdrehung überlagert sich mit der Grunddrehzahl: Eine Kette läuft schneller, die andere langsamer. Bei starkem Lenkeinschlag kann eine Kette sogar stillstehen, während die andere mit doppelter Geschwindigkeit läuft. Das Fahrzeug dreht dann fast auf der Stelle.

Der Fahrer steuert die Hydraulikventile meist über ein Lenkrad, obwohl kein Rad im Fahrzeug tatsächlich einschlägt. Anders als bei der Kupplungslenkung geht dabei kaum Energie als Bremswärme verloren, die Lenkbewegung wird stattdessen in Antriebsleistung umgesetzt.

Der Leopard 2 nutzt dafür das hydromechanische Schalt-, Wende- und Lenkgetriebe HSWL 354 des Herstellers Renk aus Augsburg. Es vereint Fahrantrieb, Lenkanlage sowie Betriebs-, Park- und Bremssystem in einer einzigen Baugruppe und ist seit den frühen 1980er Jahren im Einsatz. Details zum Getriebekonzept beschreibt der Hersteller auf seiner Produktseite zum HSWL 354. Wie das Lenkgetriebe im Antriebsstrang mit Motor und Gangwahl zusammenspielt, erklärt der Beitrag Automatik oder Schaltgetriebe im Panzer. Grundlagen zum Antrieb selbst liefert das Lexikon unter Dieselmotor im Panzer.

Radpanzer-Lenkung: wie beim Lastwagen

Radpanzer folgen einem vertrauteren Prinzip, der Achsschenkellenkung. Dabei dreht sich jedes Rad um eine annähernd senkrechte Drehachse, den Achsschenkel, ähnlich wie bei einem Pkw oder Lkw. Das unterscheidet sie von der älteren Drehschemellenkung, bei der eine ganze Achse geschwenkt wird. Bei mehrachsigen Radpanzern sind meist zwei oder mehr Achsen gelenkt, nicht nur die vorderste.

Der Transportpanzer Fuchs der Bundeswehr ist ein Beispiel. Das sechsrädrige Fahrzeug hat zwei Lenkachsen und ständigen Allradantrieb. Der Wendekreis liegt je nach Quelle bei rund 17 Metern. Details zum Fahrzeug führt die Bundeswehr auf ihrer Seite zum Transportpanzer Fuchs.

Weil die Räder bei Radpanzern einzeln gefedert und gelenkt sind, verhalten sich diese Fahrzeuge im Fahrverhalten näher an einem schweren Lkw als an einem Kettenfahrzeug. Kupplungs- oder Überlagerungslenkung kommen hier nicht zum Einsatz, weil es schlicht keine zwei unabhängig antreibbaren Ketten gibt, deren Drehzahl sich unterscheiden ließe.

Warum Panzer keine Servolenkung wie ein Pkw haben

Ein Auto lenkt über eine Servolenkung, die den Kraftaufwand für den Fahrer gering hält. Bei Panzern übernimmt diese Aufgabe kein vergleichbares Bauteil, sondern das jeweilige Lenkprinzip selbst regelt, wie viel Kraft an die Ketten oder Räder geht. Bei der Kupplungslenkung braucht der Fahrer spürbare Kraft am Hebel, weil er unmittelbar eine mechanische Bremse betätigt. Beim Überlagerungslenkgetriebe übernimmt die Hydraulik die eigentliche Kraftübertragung, der Fahrer bewegt am Lenkrad nur ein Steuerventil, ähnlich wie bei einer hydraulischen Baumaschine. Der Kraftaufwand am Lenkrad bleibt dadurch gering, obwohl das Fahrzeug tonnenschwer ist.

Was das für Selbstfahrer bedeutet

Wer selbst einen Kettenpanzer fährt, merkt den Unterschied zum Auto sofort. Bei Fahrzeugen mit einfacher Kupplungs- oder Hebellenkung wird pro Seite ein eigener Lenkhebel oder Bremshebel bedient. Das Fahrzeug reagiert grober und mit spürbarer Verzögerung, weil die Lenkbewegung erst über eine mechanische Bremse wirkt. Bei einem Lenkrad-gesteuerten Überlagerungslenkgetriebe fühlt sich die Bedienung dagegen eher wie in einem schweren Lkw an, feinfühliger dosierbar, aber ungewohnt in der Kraftrückmeldung, weil kein Rad tatsächlich einschlägt.

Einsteiger unterschätzen häufig, wie viel Vorlauf eine Lenkbewegung braucht. Weil die Richtungsänderung über eine Drehzahldifferenz und nicht über einen sofortigen Radeinschlag entsteht, reagiert ein Kettenfahrzeug etwas träger als ein Pkw, besonders bei niedriger Geschwindigkeit im Gelände. Instruktoren auf den Fahrstrecken machen darauf zu Beginn jeder Einweisung aufmerksam.

Welche Fahrzeuge auf welchen Strecken angeboten werden und ob dafür ein Führerschein nötig ist, klärt der Beitrag Braucht man einen Führerschein zum Panzerfahren. Wie zügig sich die einzelnen Modelle im Gelände und auf der Strecke bewegen, zeigt der Beitrag Wie schnell fährt ein Panzer wirklich. Weitere Hintergründe zu Technik und Praxis rund um das Panzerfahren sammelt der Ratgeber-Bereich.

Häufige Fragen

Haben alle Panzer ein Lenkrad?

Nein. Viele Kettenfahrzeuge mit Kupplungslenkung werden über zwei Hebel gesteuert, nicht über ein Lenkrad. Fahrzeuge mit Überlagerungslenkgetriebe wie der Leopard 2 haben dagegen ein Lenkrad, das nur Hydraulikventile ansteuert, ohne dass ein Rad tatsächlich einschlägt. Dieser und weitere verbreitete Irrtümer stehen im Beitrag Die häufigsten Irrtümer über Panzer.

Warum lenken Ketten- und Radfahrzeuge so unterschiedlich?

Kettenfahrzeuge haben keine einschlagbaren Räder, die Richtungsänderung entsteht nur über die Drehzahldifferenz der beiden Ketten. Radpanzer haben dagegen klassische Lenkachsen und lenken mechanisch wie ein Lastwagen.

Ist die Kupplungslenkung veraltet?

Bei modernen Kampfpanzern wird sie durch das verlustärmere Überlagerungslenkgetriebe ersetzt. In leichteren und älteren Kettenfahrzeugen bleibt sie wegen ihres einfachen Aufbaus verbreitet.

Braucht ein Überlagerungslenkgetriebe ein Differentialgetriebe wie ein Auto?

Nein. Es ersetzt die Funktion des Differentials durch ein eigenes Planetengetriebe mit zusätzlichem Antrieb für die Hohlräder. Dadurch geht weniger Energie als Bremswärme verloren als bei der einfachen Bremslenkung.

Lenken alle Radpanzer gleich?

Nicht ganz. Alle setzen auf Achsschenkellenkung, unterscheiden sich aber in der Zahl der gelenkten Achsen und im Antriebskonzept. Der Transportpanzer Fuchs hat zum Beispiel zwei von drei Achsen gelenkt, andere Radpanzer lenken je nach Bauart nur die vorderste Achse oder zusätzlich die hinterste mit.