Vielstoffmotor

Ein Vielstoffmotor ist ein Verbrennungsmotor, der mit mehreren unterschiedlichen Kraftstoffen betrieben werden kann, ohne dass er dafür umgebaut werden muss. Er arbeitet nach dem Dieselprinzip mit Selbstzündung, ist aber so konstruiert, dass auch Kraftstoffe mit abweichender Zündwilligkeit wie Benzin, Kerosin oder Düsenkraftstoff zuverlässig zünden. Bei Militärfahrzeugen sollte er sicherstellen, dass im Feld verfügbare Kraftstoffe genutzt werden können, wenn Diesel knapp wird.

Vielstoffmotor im Detail

Diesel, Benzin, Kerosin und Düsenkraftstoff unterscheiden sich in Zündwilligkeit (Cetanzahl beziehungsweise Oktanzahl), Dichte und Schmierfähigkeit. Ein reiner Dieselmotor ist auf die Eigenschaften von Dieselkraftstoff abgestimmt und zündet mit Benzin oder Kerosin nicht zuverlässig. Vielstoffmotoren gleichen diese Unterschiede über mehrere technische Maßnahmen aus: eine höhere Verdichtung, vorgewärmte Ansaugluft und eine besondere Brennraumgeometrie, die den Kraftstoff verwirbelt und in zwei Phasen verbrennen lässt. Ein kleiner Anteil verdampft sofort und zündet wie eine Art Zündflamme, der Rest verbrennt kontrolliert nach, statt schlagartig zu detonieren. Ergänzend sorgt ein Dichtekompensator an der Einspritzpumpe dafür, dass die eingespritzte Kraftstoffmenge an die jeweilige Kraftstoffdichte angepasst wird, damit die Leistung nicht zu stark schwankt. Da Kraftstoffe wie Benzin die Einspritzpumpe anders als Diesel nicht ausreichend schmieren, ist die Pumpe zusätzlich an den Ölkreislauf des Motors angeschlossen.

Nutzbar waren je nach Bauart Diesel, Kerosin, Düsenkraftstoff und Benzin, Letzteres teils mit Ölzusatz, um die Schmierung zu verbessern. Diesel blieb dabei stets die bevorzugte und leistungsstärkste Variante. Ein bekanntes Beispiel ist der sowjetische Motor W-46 (auch V-46 genannt) im Kampfpanzer T-72: Über einen Wählschalter konnte er auf Diesel, Benzin oder Kerosin umgestellt werden.

Bedeutung beim Panzerfahren

Entstanden ist der Vielstoffmotor aus einem logistischen Problem. NATO-Planer gingen im Kalten Krieg davon aus, dass ein Krieg in Europa Versorgungswege zerstören und Diesel streckenweise knapp werden könnte. Ein Motor, der stattdessen mit vorhandenem Benzin, Kerosin oder Düsenkraftstoff weiterlief, machte Versorgungs- und Kampffahrzeuge unabhängiger von einer einzigen Kraftstoffkette.

Der Preis dafür war Leistung. Beim US-Motor LDS-427 sank die Leistung von 130 PS auf Diesel auf 118 PS mit Kompressionszündkraftstoff und auf nur 103 PS mit Benzin, das Drehmoment fiel von rund 330 auf etwa 280 Newtonmeter. Hinzu kam Verschleiß: Benzin schmiert die Einspritzpumpe schlechter als Diesel und griff Bauteile stärker an, weshalb der Betrieb mit Diesel oder zumindest mit Diesel-Beimischung empfohlen wurde. Der Dichtekompensator an der Pumpe galt zudem als wartungsanfällig und wurde in der Praxis oft umgangen, wodurch Fahrzeuge faktisch wieder nur mit Diesel liefen.

Wer heute selbst einen Panzer fährt, bekommt von alldem nichts mit. Auf Erlebnisgeländen in Deutschland läuft in aller Regel normaler Dieselkraftstoff, wie er auch im zivilen Straßenverkehr getankt wird. Die Vielstofffähigkeit historischer Motoren spielt im touristischen Fahrbetrieb keine Rolle, weil durchgehend dieselbe Kraftstoffsorte verfügbar ist und niemand auf Feldnachschub angewiesen ist. Erkennbar bleibt sie höchstens an technischen Details wie einem Wählschalter oder Zusatzhebel für die Kraftstoffart am Armaturenbrett, der heute nicht mehr benutzt wird. Im Deutschen Panzermuseum Munster sind Kettenfahrzeuge unterschiedlicher Antriebsgenerationen ausgestellt, an denen sich diese Entwicklung nachvollziehen lässt.

Verwandte Begriffe

Weitere technische Begriffe finden Sie im Lexikon.

  • Kettenlaufwerk: das Antriebssystem, das der Motor über das Getriebe in Bewegung setzt
  • Treibrad: überträgt die Motorleistung auf die Gleiskette
  • Drehstabfederung: weiteres zentrales Fahrwerksmerkmal von Kettenfahrzeugen
  • Bodendruck: hängt neben dem Gewicht auch vom Antriebs- und Laufwerkskonzept ab