Überlagerungslenkgetriebe

Das Überlagerungslenkgetriebe ist ein Lenksystem für Kettenfahrzeuge, das die Drehzahl der beiden Ketten stufenlos gegeneinander verstellt, ohne den Kraftfluss zu unterbrechen. Ein zusätzlicher Antrieb überlagert dem Hauptantrieb eine variable Drehzahl auf zwei Planetengetriebe, wodurch eine Kette schneller läuft als die andere. Steht der Hauptantrieb still und dreht nur dieser Zusatzantrieb, drehen sich beide Ketten gegenläufig, und das Fahrzeug dreht auf der Stelle.

Überlagerungslenkgetriebe im Detail

Das Getriebe besteht aus zwei baugleichen, einstufigen Planetengetrieben, jeweils eines pro Kettenseite. Die Sonnenräder beider Planetengetriebe sitzen auf einer gemeinsamen Welle und werden vom Fahrzeugmotor angetrieben. Die Planetenradträger sind starr mit den Treibrädern gekoppelt und geben die Bewegung an die Ketten weiter. Die Hohlräder wiederum sind über Stirnradgetriebe mit zwei Wellen verbunden, die ein Kegelradgetriebe zusammenführt. Ein Hydraulikmotor treibt dieses Kegelradgetriebe an und versetzt die Hohlräder in eine gegenläufige Drehung.

Bei Geradeausfahrt stehen die Hohlräder relativ zueinander still, beide Ketten laufen mit gleicher Drehzahl. Setzt der Hydraulikmotor die Hohlräder in Bewegung, überlagert sich diese Drehung der Bewegung aus dem Hauptantrieb: Eine Kette wird schneller, die andere langsamer. Je höher die Drehzahl am Hydraulikmotor, desto enger der Kurvenradius, stufenlos und ohne Gangwechsel. Erreicht die Hohlraddrehzahl die Drehzahl des Hauptantriebs, steht eine Kette vollständig, während die andere mit doppelter Geschwindigkeit läuft, der engste Radius im Fahrbetrieb. Steht das Fahrzeug und dreht nur der Hydraulikmotor, laufen beide Ketten gegenläufig mit gleichem Betrag, das Fahrzeug dreht auf der Stelle.

Der Vorgänger dieses Prinzips ist die Cletrac-Lenkung mit zwei Hebeln, die über Bandbremsen auf ein Differentialgetriebe wirken. Bei dieser Bremslenkung wird die innere Kette abgebremst, ein Teil der Antriebsleistung geht dabei als Reibungswärme verloren. Beim Überlagerungslenkgetriebe bleibt der Kraftfluss zu beiden Ketten durchgehend geschlossen, es wird nichts gebremst, sondern nur gegenphasig zugesteuert. Das ergibt weniger Energieverlust und eine feinere, gleichmäßigere Lenkung. Die Renk GmbH gilt als bekannter Hersteller solcher Getriebe für Kettenfahrzeuge; ihr Schalt-Wende-Lenkgetriebe HSWL 354 vereint Antrieb, Lenkung und Bremse in einer Baugruppe und wird seit 1983 für den Leopard 2 gefertigt.

Bedeutung beim Panzerfahren

Wer zum ersten Mal am Lenkhebel eines Kettenfahrzeugs mit Überlagerungslenkgetriebe sitzt, spürt vor allem eines: Es ruckt nicht. Eine Bremslenkung zieht das Fahrzeug beim Einlenken hörbar und spürbar zur Seite, weil eine Kette abrupt gebremst wird. Beim Überlagerungslenkgetriebe geht die Kurve fließend auf, der Ausschlag am Lenkhebel entspricht direkt dem Kurvenradius. Kleine Handbewegungen genügen für sanfte Richtungsänderungen, ein großer Ausschlag zieht die Kurve eng, bis hin zum vollen Kreis auf der Stelle.

Genau dieser letzte Punkt ist es, den Fahrschüler am meisten überrascht. Ein Panzer lässt sich im Stand um die eigene Achse drehen, ohne einen Meter vorzurücken, weil beide Ketten gegenläufig laufen. Das fühlt sich anders an als jedes Lenkmanöver mit einem Rad- oder Kettenfahrzeug ohne dieses Getriebe und ist für viele der Moment, an dem das Fahrgefühl vom Auto endgültig verlässt.

Verwandte Begriffe

Das Überlagerungslenkgetriebe wirkt unmittelbar auf das Kettenlaufwerk und dort auf das Treibrad, das die Bewegung an die Gleiskette weitergibt. Wie stark sich unterschiedliche Kettendrehzahlen auf den Untergrund auswirken, hängt auch vom Bodendruck des Fahrzeugs ab. Einen Überblick über weitere Begriffe rund um Antrieb und Fahrwerk bietet das Lexikon.