Ein gezogenes Rohr ist ein Geschützrohr mit spiralförmig verlaufenden Nuten, den Zügen, und den dazwischenliegenden Stegen, den Feldern, an der Innenwand. Beim Schuss presst sich das Führungsband des Geschosses in diese Züge und wird dadurch in eine schnelle Drehung um die Längsachse versetzt. Diese Rotation stabilisiert das Geschoss auf seiner Flugbahn, ähnlich wie bei einem gezogenen Gewehrlauf.
Gezogenes Rohr im Detail
Gezogene Rohre sind die ältere der beiden Bauarten bei Panzerkanonen. Sie waren bis in die 1960er-Jahre Standard, etwa beim 105-mm-Geschütz L7 des britischen Herstellers Royal Ordnance, das im Leopard 1 verbaut wurde. Der Drall entsteht, weil der Innendurchmesser des Rohres minimal kleiner ist als das Führungsband des Geschosses. Beim Schuss presst sich das Band in die Züge und wird von deren schraubenförmigem Verlauf in Rotation versetzt.
Diese Bauweise hat einen technischen Nachteil. Das Einpressen des Führungsbands in die Züge erzeugt hohe Reibung, die einen Teil der Beschleunigungsenergie der Treibladung aufzehrt. Zudem dichten Züge und Felder die Treibgase schlechter ab als eine glatte Innenwand, was den nutzbaren Gasdruck begrenzt. Ein weiterer Effekt: Der Drall wirkt auf jedes Geschoss, das durch das Rohr läuft, auch auf Typen, die eigentlich durch Heckflossen stabilisiert werden. Die Rotation stört deren Flugstabilisierung.
Aus diesen Gründen stellte die Sowjetunion bereits in den 1950er-Jahren auf glattrohrige 115-mm-Kanonen um. Die Bundeswehr und Rheinmetall folgten mit der Entwicklung der 120-mm-Glattrohrkanone L/44 für den Leopard 2. Innerhalb der NATO blieb über Jahrzehnte nur der britische Challenger 2 bei einer gezogenen 120-mm-Kanone, dem Typ L30A1. Im Zuge der geplanten Kampfwertsteigerung zum Challenger 3 wird auch dieses Fahrzeug auf eine Glattrohrkanone umgerüstet.
Fertigung und Verschleiß unterscheiden sich ebenfalls von der glattrohrigen Bauart. Züge lassen sich beim Kalthämmern des Rohrrohlings direkt mit erzeugen: Der Dorn im Inneren des Werkzeugs trägt bereits die Negativform der Züge, sodass kein separater Arbeitsschritt nötig ist. Verschleiß entsteht vor allem im mündungsnahen Bereich der Felder, wo heiße Treibgase und die Reibung des Führungsbands das Material am stärksten angreifen. Wie schnell sich ein Rohr abnutzt, hängt von der Schusszahl, der Ladungsstärke sowie der Qualität von Treibladung und Geschoss ab.
Bedeutung beim Panzerfahren
An Fahrzeugen, die auf deutschen Strecken zum Selberfahren angeboten werden, kommt das gezogene Rohr praktisch nicht mehr vor. Der Leopard 1, das letzte Modell der Bundeswehr mit dieser Bauart, wurde durch den glattrohrigen Leopard 2 abgelöst. Wer beide Rohrtypen unterscheiden will, muss dafür nicht ins Rohrinnere schauen: Rohrbremse, Mündungsbremse und Wärmeschutzhülle sehen bei beiden Bauarten fast gleich aus. Der Unterschied liegt allein in der Innenkontur des Rohres und wird höchstens bei einem Blick durch die offene Mündung sichtbar.
Verwandte Begriffe
- Glattrohrkanone: das Gegenstück ohne Züge, seit den 1970er-Jahren Standard bei westlichen Kampfpanzern.
- Rohrbremse: fängt beim Rückstoß einen Teil der Rohrenergie ab, unabhängig von Zug oder Glattrohr.
- Mündungsbremse: sitzt am vorderen Rohrende und wirkt bei beiden Bauarten.
- Rohrrücklauf: die Bewegung des Rohres beim Schuss, an die Rohrbremse gekoppelt.
- Wärmeschutzhülle: verhindert ein Verziehen des Rohres durch ungleichmäßige Erwärmung.
Weitere Begriffe rund um Panzertechnik finden Sie im Lexikon.
Quelle zur Einordnung der Bauartwahl: Rheinmetall, Large Calibre Weapons and Ammunition.