Lenkgetriebe

Das Lenkgetriebe ist die Baugruppe im Antriebsstrang eines Kettenfahrzeugs, die die Drehzahl der beiden Ketten unabhängig voneinander steuert und dadurch das Lenken ermöglicht. Bei modernen Kampfpanzern ist es fest mit dem Hauptgetriebe verbunden und übernimmt zugleich das Schalten der Fahrstufen sowie das Wenden der Fahrtrichtung. Hersteller wie Renk bezeichnen solche Baugruppen deshalb als Schalt-Wende-Lenkgetriebe, kurz HSWL.

Lenkgetriebe im Detail

Kettenfahrzeuge haben keine lenkbaren Räder. Eine Kurve entsteht nur, wenn die beiden Ketten unterschiedlich schnell laufen oder gegenläufig angetrieben werden. Die ersten Kettenfahrzeuge lösten das über einseitige Bremsen oder Kupplungen: Ein Hebel bremste die innere Kette ab, die äußere lief weiter, das Fahrzeug drehte in die gebremste Richtung. Diese Bremslenkung verschleißt schnell und ist bei hohem Tempo schwer beherrschbar.

Ein früher Ausweg war die von der Cleveland Tractor Company entwickelte Cletrac-Lenkung, ein gesteuertes Differentialgetriebe, das über Bremsbänder auf ein Planetengetriebe wirkte. Die Angaben zum Entstehungszeitraum schwanken je nach Quelle: Die deutschsprachige Fachliteratur nennt die frühen 1920er Jahre, US-amerikanische Traktorhistoriker datieren das erste Modell mit dieser Lenkung, den Cletrac-Typ R, bereits auf das Jahr 1916.

Moderne Kampfpanzer nutzen stattdessen ein Überlagerungslenkgetriebe. Ein Planetengetriebe je Kette wird über die Sonnenräder vom Hauptantrieb versorgt, ein zusätzlicher Hydraulikmotor treibt bei Kurvenfahrt die Hohlräder gegenläufig an. Aus der Differenz beider Drehzahlen ergibt sich die Umlaufgeschwindigkeit der Planetenräder und damit die Drehzahl der jeweiligen Kette. Bei Geradeausfahrt stehen die Hohlräder still, beide Ketten laufen gleich schnell. Diese Bauart verbraucht weniger Energie als die Bremslenkung und lässt sich feiner dosieren, ist aber aufwendiger zu fertigen, weil sie einen eigenen Antrieb für die Lenkbewegung braucht.

Der deutsche Getriebehersteller Renk gilt als Marktführer für solche Panzergetriebe. Sein Modell HSWL 354 treibt nach Herstellerangaben seit 1983 den Leopard 2 und dessen Fahrzeugfamilie an und ist in rund 18 Ländern im Einsatz. Für neuere Fahrzeuge liefert Renk andere Baureihen derselben Getriebefamilie: Ein Bundeswehrauftrag über 45 Millionen Euro umfasste Anfang 2026 unter anderem Getriebe der Typen HSWL 256, HSWL 354 und AGB 300 für den Schützenpanzer Puma, den Bergepanzer Büffel und den Radpanzer Boxer.

Bedeutung beim Panzerfahren

Am Fahrzeug äußert sich das Lenkgetriebe über den Lenkhebel oder das Lenkrad in der Fahrerluke. Ein Ausschlag steuert nicht die Ketten direkt, sondern das Hydrauliksystem, das die Drehzahldifferenz vorgibt. Bei Fahrzeugen mit Überlagerungslenkgetriebe lässt sich der Kurvenradius stufenlos wählen, vom weiten Bogen bis zur Drehung auf der Stelle, ohne dass eine Kette abrupt gebremst wird. Das macht sich auf dem Parcours bemerkbar: Kurven fühlen sich weich an, das Fahrzeug ruckt nicht, und enge Wendungen zwischen Hindernissen gelingen mit deutlich weniger Kraftaufwand am Hebel als bei einer reinen Bremslenkung.

Verwandte Begriffe

Einen Überblick über weitere Fachbegriffe rund um Kettenfahrzeuge finden Sie im Lexikon.